politfacts Analyse
War Hitler links?
Was „Sozialismus“ im Namen der NSDAP, antikapitalistische Aussagen und staatliche Wirtschaftslenkung tatsächlich über Hitler und den Nationalsozialismus aussagen.
Kurzantwort
Nein.
Die NSDAP enthielt reale sozialpolitische und antikapitalistische Elemente. Innerhalb der Partei existierten sozialrevolutionäre Strömungen, und das NS-Regime griff massiv in die Wirtschaft ein.
Für eine politische Gesamtklassifikation reichen diese Merkmale jedoch nicht aus.
Menschenbild, Staatsordnung und tatsächliche Herrschaftspraxis zeigen eine völkisch-nationalistische, rassistische, antisemitische, antimarxistische und antidemokratische Bewegung der extremen Rechten.
Das US Holocaust Memorial Museum klassifiziert die NSDAP entsprechend als radikale rechtsextreme beziehungsweise „far-right“ Partei.
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Ausgangspunkt
Warum die Behauptung zunächst plausibel wirken kann
Die Behauptung, Hitler oder die NSDAP seien politisch links gewesen, beruht nicht ausschließlich auf erfundenen Tatsachen. Mehrere häufig angeführte Beobachtungen sind historisch real – ihre Interpretation ist jedoch umstritten.
Beobachtung 1
„Sozialismus“ im Parteinamen
Die Partei hieß Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Eine politische Bewegung lässt sich jedoch nicht allein anhand ihrer Selbstbezeichnung klassifizieren.
Beobachtung 2
Sozialpolitische Forderungen
Das 25-Punkte-Programm von 1920 enthielt unter anderem Forderungen nach Verstaatlichung bestimmter Unternehmen, Gewinnbeteiligung, Ausbau der Altersversorgung und Eingriffen in Eigentumsrechte.
Beobachtung 3
Antikapitalistische Strömungen
Innerhalb der NSDAP existierten tatsächlich sozialrevolutionäre und stärker antikapitalistische Strömungen, insbesondere um Gregor und Otto Strasser.
Beobachtung 4
Staatliche Wirtschaftslenkung
Das NS-Regime griff stark in Produktion, Preise, Löhne, Rohstoffverteilung, Investitionen und Außenhandel ein.
„Diese Befunde gehören zu einer vollständigen historischen Darstellung. Sie entscheiden für sich allein jedoch noch nicht, ob eine politische Bewegung insgesamt links oder rechts einzuordnen ist.“
Einordnung
Wie lässt sich die Frage seriös beantworten?
Die Gleichung „viel Staat = links“ und „wenig Staat = rechts“ ist historisch nicht tragfähig.
Staatliche Wirtschaftslenkung, Sozialprogramme, Protektionismus oder autoritäre Herrschaft können in sehr unterschiedlichen politischen Systemen vorkommen. Für die Analyse werden deshalb mehrere Ebenen gemeinsam betrachtet.
- 01
Menschenbild
Gleichwertigkeit oder hierarchische Ungleichwertigkeit?
- 02
Politische Zugehörigkeit
Staatsbürgerliche Gleichheit oder ethnisch-rassische Zugehörigkeit?
- 03
Demokratie und Pluralismus
Politischer Wettbewerb oder Führerprinzip und Einparteienstaat?
- 04
Gesellschaftsordnung
Klasse, Individuum, Nation, „Volk“ und „Rasse“
- 05
Wirtschafts- und Sozialordnung
Eigentum, Interessenvertretung und staatliche Steuerung
- 06
Herrschaftspraxis
Welche Ordnung wurde nach 1933 tatsächlich geschaffen?
In der vollständigen Analyse werden realisierte Herrschaftspraxis, Gesetze und Institutionen höher gewichtet als Parteinamen oder einzelne Zitate.
Zentrale Evidenz
Was die Quellen zeigen
„Volk“ und „Rasse“ statt universeller Gleichheit
Das NSDAP-Programm definierte politische Zugehörigkeit nach Abstammung. Staatsbürger sollte nur sein können, wer als „Volksgenosse“ galt; Juden wurden ausdrücklich ausgeschlossen.
Nach 1933 wurde diese Ideologie in staatliches Recht überführt. Die Nürnberger Gesetze knüpften unterschiedliche Rechte an rassistisch definierte Abstammung.
Die Vorstellung einer natürlichen beziehungsweise rassischen Ungleichwertigkeit war kein Randthema, sondern Bestandteil der politischen Ordnung.
Quellen: German History in Documents and Images · German History in Documents and Images · United States Holocaust Memorial Museum
Antimarxismus als zentrale Feindbestimmung
Die Nationalsozialisten bekämpften sowohl Sozialdemokratie als auch Kommunismus. Der Klassenkonflikt sollte nicht durch eine sozialistische Klassenordnung gelöst werden, sondern einer national definierten „Volksgemeinschaft“ untergeordnet werden.
Das US Holocaust Memorial Museum beschreibt, dass die NSDAP Arbeiter vom Sozialismus und Kommunismus wegziehen und für ihre antisemitische und antimarxistische Ideologie gewinnen wollte.
Antimarxismus war kein später Nebenaspekt, sondern Bestandteil der nationalsozialistischen Weltanschauung.
Quellen: German History in Documents and Images · United States Holocaust Memorial Museum · Bundeszentrale für politische Bildung
Arbeiter-Rhetorik, aber Zerschlagung der Gewerkschaften
Am 1. Mai 1933 inszenierte das Regime den „Tag der nationalen Arbeit“. Bereits am folgenden Tag wurden die freien Gewerkschaften gewaltsam ausgeschaltet: Häuser wurden besetzt, Funktionäre festgenommen und Vermögen beschlagnahmt.
An ihre Stelle trat die Deutsche Arbeitsfront. Das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit übertrug das Führerprinzip auf die Betriebe: Unternehmer wurden zu „Führern des Betriebes“, Beschäftigte zur „Gefolgschaft“.
Die symbolische Aufwertung der Arbeiterschaft bedeutete keine Übertragung politischer oder wirtschaftlicher Macht auf die Arbeiter.
Quellen: German History in Documents and Images · Deutsches Historisches Museum / LeMO · LWL Westfälische Geschichte
Führerstaat statt egalitärer Ordnung
Nach der Machtübernahme wurden Grundrechte außer Kraft gesetzt, politische Gegner verfolgt, Parteien beseitigt und Partei und Staat miteinander verschmolzen.
Das Führerprinzip stellte die hierarchische Autorität des politischen Führers über demokratische Willensbildung.
Das politische Gegenmodell des Nationalsozialismus zur Demokratie war eine hierarchische Führungsordnung.
Quellen: German History in Documents and Images · German History in Documents and Images · German History in Documents and Images · Bundeszentrale für politische Bildung
Die „Volksgemeinschaft“ war sozial integrativ und radikal exklusiv
Der Nationalsozialismus versprach Teilen der Bevölkerung Gemeinschaft, soziale Anerkennung, Aufstieg und Zugehörigkeit. Diese integrative Seite erklärt einen Teil seiner gesellschaftlichen Attraktivität und darf nicht ausgeblendet werden.
Die Zugehörigkeit war jedoch rassisch und politisch definiert. Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, politische Gegner und andere Gruppen wurden ausgeschlossen, entrechtet, verfolgt und teilweise systematisch ermordet.
Gemeinschaft und soziale Integration galten nur für diejenigen, die das Regime zur Volksgemeinschaft rechnete.
Quellen: Deutsches Historisches Museum / LeMO · German History in Documents and Images · United States Holocaust Memorial Museum
Expansion, „Lebensraum“ und Vernichtungspolitik
Hitlers außenpolitische Vorstellungen zielten auf territoriale Expansion und zusätzlichen „Lebensraum“. Im Krieg gegen die Sowjetunion verbanden sich Rassismus, Antisemitismus, Antibolschewismus, Expansion und Vernichtungspolitik.
Der Holocaust war nicht von der übrigen Ideologie unabhängig. Er war die extremste Umsetzung eines Weltbildes, das Menschen nach rassistischen Kategorien hierarchisierte.
Für die politische Einordnung zählt, welche Ordnung das Regime im Inneren und in den eroberten Gebieten tatsächlich verwirklichte.
Quellen: German History in Documents and Images · German History in Documents and Images · Haus der Wannsee-Konferenz · United States Holocaust Memorial Museum
Begriffsklärung
Was bedeutete „Sozialismus“ im Nationalsozialismus?
Nationalsozialisten verwendeten den Begriff „Sozialismus“ tatsächlich. Innerhalb der Partei bestanden unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie weit staatliche Eingriffe und Veränderungen der Eigentumsordnung gehen sollten.
Der zentrale Unterschied zum marxistischen beziehungsweise internationalistischen Sozialismus lag jedoch im politischen Bezugspunkt: Nicht die internationale Klasse, sondern das ethnisch definierte Volk bildete die zentrale Gemeinschaft. Klasseninteressen sollten nicht im Klassenkampf ausgetragen, sondern der Volksgemeinschaft untergeordnet werden.
Linke Traditionslinien
Klasse · soziale Macht · universelle oder klassenbezogene Gleichheitsvorstellungen
Nationalsozialistische Ordnung
Volk · „Rasse“ · Nation · Volksgemeinschaft · Führerprinzip
Dieser Vergleich behauptet weder, dass jede politische Linke universalistisch oder demokratisch sei, noch dass alle rechten Bewegungen dieselben Merkmale wie der Nationalsozialismus besitzen. Er klassifiziert dieses konkrete historische Regime.
Wirtschaftsordnung
War die NS-Wirtschaft sozialistisch?
Die Wirtschaftsordnung des NS-Regimes war weder eine liberale Laissez-faire-Marktwirtschaft noch eine vollständige sozialistische Planwirtschaft. Privateigentum und private Unternehmen bestanden in wesentlichen Teilen weiter. Zugleich griff der Staat massiv in Produktion, Preise, Investitionen, Löhne, Rohstoffverteilung und Außenhandel ein.
Christoph Buchheim und Jonas Scherner zeigen fortbestehende private Eigentumsrechte und unternehmerische Entscheidungsspielräume. Germà Bel dokumentiert Privatisierungen. Rainer Zitelmann hebt dagegen Hitlers Antikapitalismus und seine Offenheit gegenüber weitreichender staatlicher Wirtschaftssteuerung hervor. Diese Befunde stehen nebeneinander.
Wirtschaftlicher Dirigismus allein ist kein belastbares Links-Rechts-Kriterium.
Wozu diente die Wirtschaftslenkung?
Quellen: Deutsches Historisches Museum / LeMO · The Journal of Economic History · The Economic History Review · Economic Affairs
Gegenprüfung
Was spricht gegen eine zu einfache Einordnung?
Quellenkritik
Was ist mit den Zitaten, die in sozialen Medien kursieren?
In sozialen Netzwerken werden Memes und Zitate verbreitet, die Hitler oder die NSDAP als „links“ darstellen sollen. Einige Aussagen sind authentisch, andere falsch zugeschrieben oder ohne ihren historischen Kontext irreführend.
Willy Brandt
„Nazis waren Sozialisten“
Für diese Zuspitzung gibt es keinen belastbaren Brandt-Beleg. Das authentische Zitat über ein „sozialistisches Element“ entstand im antifaschistischen Exil und hatte einen anderen Kontext.
Quelle prüfenAngeblich Joseph Goebbels
„Wir sind die deutsche Linke“
Die verbreitete Zuschreibung an Goebbels ist quellenkritisch nicht belastbar.
Quelle prüfenHäufig Hitler zugeschrieben
„Wir sind Sozialisten …“
Die nahezu identische Formulierung ist Gregor Strasser nachgewiesen. Sie sollte nicht als sicherer Hitler-Beleg verwendet werden.
Quelle prüfenHitler, 1. Mai 1934
„Der Hammer wird wieder zum Symbol des deutschen Arbeiters …“
Authentisch. Die Rede belegt die Aneignung von Arbeiter- und Bauernsymbolik, erfolgte aber ein Jahr nach der Zerschlagung der freien Gewerkschaften.
Quelle prüfenDie ausführliche quellenkritische Prüfung befindet sich in der vollständigen PDF-Analyse.
Einordnung
Was ergibt die Gesamtanalyse?
politfacts Fazit
Die NSDAP enthielt reale sozialpolitische, antikapitalistische und staatsinterventionistische Elemente. Auch innerhalb der Partei existierten sozialrevolutionäre Strömungen.
Diese Befunde reichen jedoch nicht aus, um Hitler oder den Nationalsozialismus insgesamt als links oder linksextrem zu klassifizieren.
Über den gesamten Untersuchungszeitraum zeigen Programm, Gesetze, Institutionen und Herrschaftspraxis ein konsistentes Muster aus völkischem Ultranationalismus, rassistisch begründeter Ungleichwertigkeit, Antisemitismus, Antimarxismus, Führerprinzip, Ablehnung pluralistischer Demokratie, ethnisch definierter Volksgemeinschaft, territorialer Expansion sowie rassistisch begründeter Verfolgungs- und Vernichtungspolitik.
Die historische Gesamtquellenlage trägt deshalb die Einordnung Hitlers und der NSDAP als Bewegung der extremen Rechten.
Diese historische Einordnung bedeutet weder, dass jede rechte politische Position nationalsozialistisch wäre, noch relativiert sie autoritäre oder verbrecherische Regime, die sich politisch links verstanden. Untersucht wird ausschließlich die historische Einordnung Hitlers, der NSDAP und des NS-Regimes.
Dokument · Langfassung
Die vollständige wissenschaftliche Analyse
Die Webfassung zeigt die wichtigsten Ergebnisse. Die vollständige Untersuchung enthält ausführliche Methodik, Primärquellen, wirtschaftshistorische Forschung, Gegenpositionen, Quellenkritik und das vollständige Literaturverzeichnis.