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    politfacts Analyse

    Geschichtspolitik als Strategie

    Wie historische Narrative politische Gegner delegitimieren und die Grenzen des „Normalen“ verschieben können

    Kernaussage

    Die Forschung zeigt kein einfaches Muster vollständiger Geschichtsleugnung. Dokumentiert ist vielmehr eine selektive und strategische Politisierung von Vergangenheit: historische Ereignisse werden neu gerahmt, Gegner mit Diktaturerfahrungen verbunden und die eigene Partei als Widerstand, Freiheit oder „Normalität“ inszeniert. Die politische Wirkung kann darin liegen, Referenzpunkte dessen zu verschieben, was als „links“, „rechts“, „extrem“ oder „Mitte“ wahrgenommen wird.

    Analyse · Erinnerungspolitik · politische KommunikationStand: 24. September 2026Lesedauer: ca. 16 Minuten
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    Ausgangspunkt

    Die vorherige politfacts-Analyse „War Hitler links?“ hat die historische Einordnung von Hitler und NSDAP behandelt. Die vorliegende Analyse wiederholt diese Frage nicht. Sie untersucht stattdessen, wie Geschichte in der politischen Kommunikation der AfD verwendet wird und welche Funktionen solche Deutungen in der Gegenwart erfüllen können.

    Leitfrage

    Wie nutzt die AfD historische Narrative, um politische Kategorien der Gegenwart neu zu ordnen – und welche Rolle spielen dabei Geschichtspolitik, Delegitimierung und Normalisierung?

    Kapitel

    Kurzfassung

    Die zentrale Frage dieser Analyse lautet nicht, ob einzelne historische Behauptungen der AfD zutreffen. Sie fragt, welche politische Funktion historische Narrative erfüllen, wenn sie wiederholt in gegenwärtige Konflikte übertragen werden.

    Mehrere peer-reviewte Studien und eine Stellungnahme des Historikers Jens-Christian Wagner für den Deutschen Bundestag dokumentieren ein wiederkehrendes Muster: Nationalsozialismus, DDR und Kommunismus werden in der AfD-Kommunikation als historische Vergleichsfolien genutzt; heutige politische Gegner werden mit diesen Systemen verbunden; zugleich inszeniert sich die AfD als Gegenkraft, als legitime Opposition oder als Vertreterin von Freiheit und „Normalität“.

    Besonders relevant ist die Forschung zu „memory politics“ und „normalization“. Dilling und Krawatzek zeigen anhand von Bundestagsreden, dass die AfD historische Themen nicht schlicht häufiger als andere Parteien verwendet, aber spezifische Deutungsmuster etabliert. Richardson-Little, Merrill und Arlaud zeigen für Twitter/X, wie DDR-Erinnerung zur Delegitimierung politischer Gegner und zur Selbstinszenierung als Erbin der Bürgerrechtsbewegung eingesetzt wird. Zajak, Meuth und Best beschreiben Normalisierung als mehrdimensionalen Prozess, bei dem sich nicht nur politische Positionen, sondern auch gesellschaftliche Wahrnehmungsgrenzen dessen verschieben, was als normal und legitim gilt.

    Die These dieser Analyse lautet daher: Erinnerungspolitik kann zur politischen Normalisierung beitragen, wenn sie historische Extrempunkte neu verortet, Gegner symbolisch radikalisiert und die eigene Position relativ dazu moderater erscheinen lässt.

    Das ist eine funktionale Analyse. Sie beweist weder eine zentral gesteuerte Strategie noch die persönliche Motivation einzelner Politiker.

    Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung, 7. April 2026 · British Journal of Political Science 54 (2024), 1296–1317 · Memory Studies 15(6) (2022), 1360–1377 · International Journal of Politics, Culture, and Society 39 (2026), 195–222

    Kapitel 01

    Forschungsfrage, Material und methodische Grenze

    Die Leitfrage lautet: Wie nutzt die AfD historische Narrative, um politische Kategorien der Gegenwart neu zu ordnen – und welche Rolle spielen dabei Geschichtspolitik, Delegitimierung und Normalisierung?

    Die Analyse stützt sich auf drei Ebenen von Quellen: erstens wissenschaftliche Forschung zu Erinnerungspolitik und Normalisierung; zweitens historische und institutionelle Einordnungen, insbesondere die Stellungnahme von Jens-Christian Wagner; drittens dokumentierte Kommunikationsbeispiele der AfD, die in den Studien als Primärmaterial ausgewertet wurden.

    Methodische Grenze

    Aus öffentlicher Kommunikation lässt sich die politische Funktion einer Aussage untersuchen, nicht zuverlässig die innere Absicht der Person, die sie äußert. Aussagen wie „sie weiß, dass es falsch ist“ oder „sie lügt bewusst“ wären ohne zusätzliche Belege spekulativ. Deshalb wird im Folgenden zwischen dokumentiertem Befund und analytischer Interpretation getrennt.

    Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung, 7. April 2026 · British Journal of Political Science 54 (2024), 1296–1317 · Memory Studies 15(6) (2022), 1360–1377 · International Journal of Politics, Culture, and Society 39 (2026), 195–222

    Kapitel 02

    Geschichte als politischer Deutungsraum

    Politische Erinnerung ist keine neutrale Speicherung von Vergangenheit. In der Forschung bezeichnet „memory politics“ die Auseinandersetzung darum, welche Ereignisse erinnert, welche Bedeutungen ihnen zugeschrieben und welche politischen Lehren daraus gezogen werden. Politische Akteure können dabei als „memory entrepreneurs“ auftreten: Sie wählen Ereignisse aus, verknüpfen sie miteinander und versuchen, ihre Interpretation in öffentlichen Debatten zu verankern.

    Dilling und Krawatzek untersuchten alle Bundestagsdebatten von 2017 bis 2021 quantitativ und ergänzten dies durch eine qualitative Analyse von 1.134 AfD-Reden, Fragen und Interventionen aus den Jahren 2017 und 2018. Ihr Ergebnis ist differenziert: Die AfD verwendet historische Sprache insgesamt nicht eindeutig häufiger als andere Parteien. Auffällig ist jedoch die stärkere Beschäftigung mit Begriffen und Themen rund um Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg sowie die Art, wie historische Bezüge argumentativ eingesetzt werden.

    Die Autoren finden dabei drei Formen des Umgangs mit etablierten Erinnerungskulturen: akzeptieren, minimieren und zurückweisen. Besonders häufig sind nicht offene Leugnungen, sondern Relativierungen, Vergleiche und Rekontextualisierungen. In der Analyse werden etwa Vergleiche gegenwärtiger Politik mit Nationalsozialismus oder DDR, die Verwendung historisch stark belasteter Begriffe sowie die rhetorische Verbindung von Nationalsozialismus und Sozialismus dokumentiert.

    Akzeptieren
    Minimieren
    Zurückweisen

    Memory Politics

    Politischer Umgang mit kollektiv erinnerter Vergangenheit.

    Memory Regime

    Institutionen, Regeln und Routinen, die öffentliches Erinnern prägen.

    Der analytisch entscheidende Punkt ist deshalb nicht: Wird Geschichte vollständig geleugnet? Sondern: Welche Bedeutung erhält sie für die Gegenwart?

    Quellen: British Journal of Political Science 54 (2024), 1296–1317

    Kapitel 03

    Mechanismus I: Historische Kategorien neu ordnen

    Die vorherige politfacts-Analyse hat die Behauptung untersucht, Hitler und die NSDAP seien politisch „links“ gewesen. Für die vorliegende Analyse ist diese Behauptung nur noch als Beispiel relevant. Entscheidend ist ihre Funktion innerhalb eines größeren Deutungsrahmens.

    Dilling und Krawatzek dokumentieren in AfD-Bundestagsbeiträgen wiederkehrende Formulierungen, in denen Nationalsozialismus als „nationaler Sozialismus“ oder als eine weitere Form des Sozialismus beschrieben wird. Parallel wird die DDR beziehungsweise kommunistische Herrschaft als Bezugspunkt verwendet, um gegenwärtige Politik zu kritisieren. Die Autoren fassen dies zusammen als:

    “strategic politicization of past events to promote the AfD’s worldview”

    Dilling und Krawatzek (2024)

    Wagner beschreibt für rechtsextremen Geschichtsrevisionismus einen ähnlichen Mechanismus: Belastende Elemente der Geschichte werden verkleinert, verschoben oder so umgedeutet, dass Täter- und Opferrollen beziehungsweise politische Verantwortungszuschreibungen verändert werden. In seiner Bundestags-Stellungnahme bezieht er sich ausdrücklich auf die Behauptung, die Nationalsozialisten seien „Linke“ gewesen, und interpretiert deren Funktion als Versuch, rechtsextremes Denken vom Stigma des Holocaust zu lösen und zugleich politische Gegner damit zu belasten.

    Einordnung des Historikers Jens-Christian Wagner

    Diese Interpretation stammt von Wagner; sie ist keine von politfacts behauptete Kenntnis über die persönliche Motivation einzelner AfD-Politiker. Als Funktionsanalyse ist sie jedoch unmittelbar relevant: Wird der Nationalsozialismus aus dem rechten Spektrum herausdefiniert, verändert sich der historische Referenzpunkt für „rechts“ und „rechtsextrem“.

    Quellen: British Journal of Political Science 54 (2024), 1296–1317 · Bundeszentrale für politische Bildung, 7. April 2026 · Deutscher Bundestag, Ausschussdrucksache 20(22)184, 29. Januar 2025

    Kapitel 04

    Mechanismus II: Die Vergangenheit auf politische Gegner übertragen

    Die zweite Ebene ist die Übertragung historischer Diktaturerfahrungen auf heutige demokratische Gegner. Hier liefert die Studie von Richardson-Little, Merrill und Arlaud besonders anschauliche Befunde. Die Autoren analysierten 668 politische Jahrestags-Tweets zu vier DDR-bezogenen Ereignissen zwischen 2006 und 2021; 127 Tweets stammten von 35 AfD-Accounts.

    668

    Jahrestags-Tweets (2006–2021)

    127

    Tweets von AfD-Accounts

    35

    AfD-Accounts

    Die AfD nutzte diese Jahrestage demnach nicht nur zum Erinnern, sondern häufig zur aktuellen politischen Positionierung. Zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953 veröffentlichte der offizielle AfD-Account beispielsweise „Nie wieder #Sozialismus!“ und färbte in der begleitenden Bildmontage sowjetische Panzer rot und grün, womit SPD, Linke und Grüne symbolisch mit der damaligen Repression verknüpft wurden. Die Forscher weisen darauf hin, dass auch andere Parteien antisozialistische Botschaften verwendeten, die AfD jedoch stärker dazu neigte, aktuelle Gegner unmittelbar mit diktatorischen historischen Akteuren zu verbinden.

    Zum Jahrestag des Mauerbaus erklärte ein AfD-Beitrag, „das sozialistische Monster“ sei zurück, und verknüpfte die Aussage mit Kritik an der CDU. Ein anderer AfD-Berlin-Beitrag behauptete zum Mauerfall: „Wir SIND die Bürgerrechtler der DDR.“

    Damit werden historische Rollen auf die Gegenwart übertragen: Auf der einen Seite steht die vermeintlich totalitäre politische Elite, auf der anderen Seite eine AfD, die sich als moderne Widerstandsbewegung inszeniert. Richardson-Little und Kollegen beschreiben diese Selbstpositionierung als Kombination aus Opfer- und Heldenrolle – als „victimized heroes“ gegenüber einer angeblich monolithischen und totalitären Elite.

    Historische Rollenübertragung
    SED / Diktatur · Opposition / Bürgerrechtler
    Unterdrückung · Widerstand
    heutige Institutionen und Gegner
    AfD als Opposition und Widerstand

    Darstellung des in der Forschung beschriebenen Kommunikationsmusters – keine Gleichsetzung historischer Systeme mit der heutigen Bundesrepublik.

    Quellen: Memory Studies 15(6) (2022), 1360–1377 · Primärmaterial im Datensatz von Richardson-Little et al. (2022)

    Kapitel 05

    Mechanismus III: Gegner radikalisieren, die eigene Position relativieren

    Die politische Bedeutung entsteht aus der Relation. Wer einen demokratischen Gegner regelmäßig sprachlich in Richtung „Sozialismus“, „DDR“, „Gleichschaltung“ oder sogar Nationalsozialismus verschiebt, verändert den Referenzrahmen, innerhalb dessen die eigene Position wahrgenommen wird.

    Die Bundestagsanalyse von Dilling und Krawatzek zeigt, dass kommunistische Repression häufig als Vergleichspunkt dient, um die Bundesrepublik als unzureichend vom Kommunismus gelöst darzustellen. Gegenwärtige Politik wird mit kommunistischer Herrschaft gleichgesetzt, andere Parteien und Institutionen werden als von kommunistischen Ideen geprägt beschrieben, und die AfD präsentiert sich in solchen Passagen als einzige tatsächliche Opposition in einem angeblich weit nach links verschobenen System.

    Das lässt sich als relationale Verschiebung lesen: Die eigene Position muss sich nicht programmatisch verändern, um im Vergleich moderater zu erscheinen. Es genügt, die wahrgenommene Position des Gegners und die historischen Extrempunkte zu verschieben. Diese Interpretation ist eine analytische Ableitung aus den dokumentierten Mustern; sie ist nicht identisch mit dem Nachweis einer bewussten, zentral gesteuerten Gesamtstrategie.

    Analytisches Schema
    Historischer BezugGegenwartsübertragungMögliche politische Funktion
    Nationalsozialismus wird als „Sozialismus“ gerahmtLinke beziehungsweise liberale Gegner werden historisch belastetEntkopplung von „rechts“ und NS-Referenz; Verschiebung politischer Kategorien
    DDR/SED als DiktaturreferenzGegenwärtige Institutionen oder Parteien werden mit DDR/Sozialismus verglichenDelegitimierung demokratischer Gegner
    1989 und BürgerrechtsbewegungAfD inszeniert sich als heutige WiderstandsbewegungSelbstlegitimierung als Freiheits- und Oppositionskraft
    „Normalität“ und „Mitte“AfD beschreibt sich als normale beziehungsweise vernünftige AlternativePerzeptive Normalisierung
    Schematisch verschobenes Koordinatensystem

    Ebene A · klassische Einordnung

    extreme Linkelinke MitteMitterechte Mitteextreme Rechte · NS

    Ebene B · kommunikativ verschoben

    linker / autoritärer Block

    NS · Kommunismus · „Sozialismus“ · heutige Gegner

    eigene Position

    „konservativ“ · „libertär“ · „normal“ · Opposition

    Schematische Rekonstruktion eines Kommunikationsmusters – keine politikwissenschaftliche Einordnung.

    Quellen: British Journal of Political Science 54 (2024), 1296–1317

    Kapitel 06

    Mechanismus IV: Die eigene Position als „normal“ markieren

    Die Analyse wird besonders relevant, wenn sie mit Forschung zur Normalisierung der extremen beziehungsweise radikalen Rechten verbunden wird. Zajak, Meuth und Best unterscheiden diskursive, politische, zivilgesellschaftliche, ökonomische und perzeptive Normalisierung.

    01

    Diskursiv

    Begriffe, Frames und Praktiken gelangen in breitere öffentliche Debatten.

    02

    Politisch

    Kooperation, parlamentarische Praxis oder institutionelle Anerkennung verändern die Stellung einer Partei.

    03

    Zivilgesellschaftlich

    Grenzen von Akzeptanz und Zusammenarbeit in Verbänden und Öffentlichkeit verschieben sich.

    04

    Ökonomisch

    Materielle und organisatorische Ressourcen erhöhen Reichweite und Beständigkeit.

    05

    Perzeptiv

    Menschen nehmen Akteure oder Positionen zunehmend als normal und legitim wahr.

    Diskursive Normalisierung beschreibt Prozesse, in denen vormals randständige Ideen, Frames oder Praktiken in breitere öffentliche Debatten eindringen. In ihrem Modell gehören dazu unter anderem das Verschieben von Diskursgrenzen, Tabubrüche, ideologische Neuverknüpfungen und Desinformation. Perzeptive Normalisierung bezeichnet dagegen den Prozess, in dem Akteure und Positionen zunehmend als normal, legitim oder mit demokratischen Werten vereinbar wahrgenommen werden.

    Normalisierung bedeutet nicht zwingend, dass sich eine Partei programmatisch zur politischen Mitte bewegt. Sie kann auch dadurch entstehen, dass sich gesellschaftliche Wahrnehmungsgrenzen dessen verschieben, was als extrem oder normal gilt.

    Die Autorinnen und Autoren verweisen dabei auch auf die AfD-Kampagne „Deutschland. Aber normal.“ von 2021. Sie interpretieren sie als Selbstpräsentation als „normale“ demokratische Partei, die zugleich beansprucht, gesunden Menschenverstand und gesellschaftliche Mitte zu repräsentieren.

    Quellen: International Journal of Politics, Culture, and Society 39 (2026), 195–222 · Alternative für Deutschland (2021), ausgewertet bei Richardson-Little et al. und Zajak et al.

    Kapitel 07

    Die Mitte als umkämpfte Kategorie

    „Mitte“ ist keine naturgegebene Position. Sie ist eine relationale politische Kategorie. Wo sie wahrgenommen wird, hängt davon ab, welche Positionen als äußerste Bezugspunkte gelten und welche Begriffe gesellschaftlich akzeptiert sind.

    Daraus folgt eine prüfbare Hypothese: Wenn historische Extrempunkte neu verortet werden und demokratische Gegner zugleich mit Diktaturbegriffen belegt werden, kann die eigene Position relativ zur konstruierten Vergleichsachse moderater erscheinen. Die AfD muss dafür nicht behaupten, ihre Programmatik verändert zu haben. Entscheidend ist, ob sich der Referenzrahmen verändert.

    Zajak, Meuth und Best zeigen, dass solche Wahrnehmungsprozesse empirisch messbar sind. In ihrer repräsentativen DeZIM-Panel-Befragung vom März 2024 betrachteten 22,8 Prozent die AfD als eher oder vollständig „normal“, 68,2 Prozent dagegen als eher oder vollständig nicht normal. Die Studie versteht diese Wahrnehmung nicht als direkte Zustimmung zu rechtsextremer Ideologie, sondern als eigene Dimension von Normalisierung.

    22,8 %

    eher oder vollständig „normal“

    68,2 %

    eher oder vollständig nicht normal

    DeZIM-Panel, Erhebung März 2024.

    Damit ist die wissenschaftlich relevante Frage nicht, ob die AfD „objektiv die Mitte“ sei. Eine solche Bewertung wäre analytisch zu grob. Relevanter ist, ob und wie sich Wahrnehmungsschwellen verschieben und welche Rolle politische Sprache und historische Narrative dabei spielen.

    Quellen: International Journal of Politics, Culture, and Society 39 (2026), 195–222

    Kapitel 08

    Social Media als Beschleuniger erinnerungspolitischer Konflikte

    Die Forschung zu AfD-Kommunikation auf Twitter/X zeigt, warum soziale Medien für Erinnerungspolitik besonders geeignet sind. Richardson-Little und Kollegen verweisen auf die Plattformlogik von Hashtags, Retweets, Antworten und direkten Erwähnungen. Historische Jahrestage werden dadurch nicht nur erinnert, sondern können zu „mnemonic battlefronts“ werden – zu Konfliktfeldern, auf denen politische Deutung und Gegenwartsbezug miteinander verschmelzen.

    Die Studie beschreibt zudem, wie direkte Erwähnungen politischer Gegner als „mnemonic combat strategy“ eingesetzt werden konnten: historische Erinnerung dient dann nicht nur der Positionierung der eigenen Partei, sondern auch dem Angriff auf konkrete politische Akteure.

    Das ist für die heutige Kommunikationsumgebung bedeutsam. Historische Analogien sind kurz, emotional anschlussfähig und leicht teilbar. Sie benötigen oft weniger Erklärung als eine komplexe politische Argumentation. Gleichzeitig können sie bestehende moralische Kategorien der Geschichte auf aktuelle Akteure übertragen.

    Quellen: Memory Studies 15(6) (2022), 1360–1377

    Kapitel 09

    Wo endet legitime Geschichtsdebatte – wo beginnt Revisionismus?

    Geschichtswissenschaft lebt von Revision im eigentlichen wissenschaftlichen Sinn: Neue Quellen und neue Methoden können frühere Interpretationen korrigieren. Wagner weist deshalb ausdrücklich darauf hin, dass „Revision“ an sich ein normaler wissenschaftlicher Vorgang ist. Problematisch wird es dort, wo wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse durch ideologisch geprägte Geschichtsbilder ersetzt, belastende Elemente systematisch kleingeredet oder Täter-Opfer-Zuschreibungen umgekehrt werden.

    Für eine seriöse politfacts-Analyse folgt daraus: Nicht jede abweichende historische Interpretation ist automatisch Geschichtsrevisionismus. Entscheidend sind Quellenlage, Methode und Umgang mit Gegenbelegen. Aussagen müssen daran gemessen werden, ob sie neue empirische Evidenz liefern oder lediglich bestehende politische Narrative bestätigen.

    Diese Unterscheidung schützt die Analyse vor einem Zirkelschluss: Eine Position ist nicht deshalb falsch, weil sie von einer bestimmten Partei stammt. Sie ist dann historisch nicht tragfähig, wenn sie den verfügbaren Quellen und dem Forschungsstand nicht standhält.

    Memory Entrepreneur

    Akteur, der bestimmte Vergangenheitsdeutungen auswählt und politisch anbietet.

    Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung, 7. April 2026

    Kapitel 10

    Ein verwandtes Muster: Konflikte um wissenschaftliche Autorität

    Über Erinnerungspolitik hinaus stellt sich die Frage, ob ähnliche Kommunikationsmuster in anderen Wissensfeldern auftreten. Ein naheliegendes Beispiel ist die Klimapolitik. Die AfD bestreitet in Programmdokumenten zentrale Aussagen des etablierten Forschungsstandes zum menschengemachten Klimawandel. Der Vergleich darf jedoch nicht überzogen werden: Geschichtswissenschaft und Klimawissenschaft arbeiten mit unterschiedlichen Gegenständen und Methoden.

    Vergleichbar ist lediglich die epistemische Struktur: Politischer Streit richtet sich nicht nur auf die Konsequenzen wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern teilweise auf die Geltung des Forschungsstandes selbst. Für die vorliegende Analyse ist das ein ergänzender Befund, kein Beweis für eine einheitliche Strategie über sämtliche Politikfelder hinweg.

    Kapitel 11

    Was sich belegen lässt – und was nicht

    Belegt beziehungsweise gut gestützt

    • Die AfD politisiert Geschichte in dokumentierten, wiederkehrenden Mustern.
    • NS- und DDR-Bezüge werden für aktuelle politische Vergleiche verwendet.
    • Politische Gegner werden teilweise mit vergangenen Diktaturen oder deren Begriffen verbunden.
    • Die AfD inszeniert sich in Teilen der Kommunikation als Widerstands- oder Freiheitskraft.
    • Normalisierung kann auch durch verschobene Wahrnehmungsgrenzen entstehen.

    Nicht belegt / nicht ableitbar

    • Dass jede einzelne Aussage zentral koordiniert ist.
    • Dass jeder AfD-Politiker dieselbe historische Strategie verfolgt.
    • Dass eine bestimmte Person bewusst die Unwahrheit sagt, sofern dafür kein direkter Beleg vorliegt.
    • Dass historische Narrative allein die gesellschaftliche Normalisierung der AfD verursachen.
    • Dass jede historische Provokation automatisch Geschichtsrevisionismus darstellt.

    Kapitel 12

    Einordnung

    Die vorliegenden Studien zeichnen kein Bild einer Partei, die Geschichte einfach vollständig verwirft. Gerade das macht das Phänomen analytisch relevanter. Die dokumentierten Muster funktionieren häufig durch Auswahl, Vergleich und Umrahmung: Teile des etablierten historischen Gedächtnisses werden anerkannt, andere relativiert oder für aktuelle politische Konflikte funktionalisiert.

    Die Aussage „Hitler war links“ ist in diesem Zusammenhang nicht das Zentrum der Analyse, sondern ein besonders sichtbares Beispiel. Vergleichbare Mechanismen zeigen sich beim Umgang mit DDR-Erinnerung, der Aneignung der Bürgerrechtsbewegung von 1989, der Verwendung von Diktaturbegriffen für heutige Gegner und der Selbstbeschreibung als „normal“ beziehungsweise als eigentliche Opposition gegen eine vermeintlich totalitäre politische Elite.

    Der gemeinsame Nenner ist der Kampf um politische Deutungshoheit: Wer bestimmt, welche Vergangenheit als Vergleichsmaßstab gilt? Wer darf sich auf Widerstand, Freiheit oder Demokratie berufen? Und wo verläuft dadurch in der Gegenwart die Grenze zwischen Mitte, Rand und Extrem?

    Quellen: British Journal of Political Science 54 (2024), 1296–1317 · Memory Studies 15(6) (2022), 1360–1377 · International Journal of Politics, Culture, and Society 39 (2026), 195–222

    Kapitel

    Fazit

    Die Forschung stützt die Annahme, dass Erinnerungspolitik innerhalb der AfD-Kommunikation eine politische Funktion erfüllt, die über historische Debatten hinausgeht. Vergangenheit wird genutzt, um Gegenwart zu strukturieren: Gegner erhalten historische Rollen, die eigene Partei erhält historische Legitimation, und die Grenzen politischer Kategorien können sich dadurch verschieben.

    Das bedeutet nicht, dass jede problematische Geschichtsbehauptung Teil eines zentral geplanten Masterplans ist. Es bedeutet auch nicht, dass sich aus einzelnen Aussagen die persönliche Motivation ihrer Urheber sicher ableiten lässt. Belegt ist jedoch ein wiederkehrendes Kommunikationsmuster, das von mehreren unabhängigen wissenschaftlichen Arbeiten mit unterschiedlichen Methoden beschrieben wird.

    Der entscheidende Effekt liegt möglicherweise gerade darin, dass politische Normalisierung nicht zwingend durch programmatische Mäßigung erfolgen muss. Sie kann auch dann stattfinden, wenn sich der Maßstab verändert, an dem „normal“, „rechts“, „links“ oder „extrem“ gemessen werden.

    Geschichte ist deshalb in solchen Debatten nicht bloß Vergangenheit. Sie ist ein Instrument zur Ordnung der politischen Gegenwart.

    Transparenz

    Quellen und Literatur

    Hinweis zur Einordnung

    Die Analyse unterscheidet zwischen dokumentierten Aussagen, Ergebnissen wissenschaftlicher Studien und daraus abgeleiteten Interpretationen. Wo eine Quelle eine politische Funktion ausdrücklich interpretiert, wird dies als Position der jeweiligen Autorinnen und Autoren kenntlich gemacht. Die Analyse erhebt keinen Anspruch, individuelle Motive ohne direkten Beleg zu kennen.

    „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“

    — George Orwell, 1984