politfacts Analyse
Geschichtspolitik als Strategie
Wie historische Narrative politische Gegner delegitimieren und die Grenzen des „Normalen“ verschieben können
Kernaussage
Die Forschung zeigt kein einfaches Muster vollständiger Geschichtsleugnung. Dokumentiert ist vielmehr eine selektive und strategische Politisierung von Vergangenheit: historische Ereignisse werden neu gerahmt, Gegner mit Diktaturerfahrungen verbunden und die eigene Partei als Widerstand, Freiheit oder „Normalität“ inszeniert. Die politische Wirkung kann darin liegen, Referenzpunkte dessen zu verschieben, was als „links“, „rechts“, „extrem“ oder „Mitte“ wahrgenommen wird.
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Ausgangspunkt
Die vorherige politfacts-Analyse „War Hitler links?“ hat die historische Einordnung von Hitler und NSDAP behandelt. Die vorliegende Analyse wiederholt diese Frage nicht. Sie untersucht stattdessen, wie Geschichte in der politischen Kommunikation der AfD verwendet wird und welche Funktionen solche Deutungen in der Gegenwart erfüllen können.
Leitfrage
Wie nutzt die AfD historische Narrative, um politische Kategorien der Gegenwart neu zu ordnen – und welche Rolle spielen dabei Geschichtspolitik, Delegitimierung und Normalisierung?
Kapitel
Kurzfassung
Die zentrale Frage dieser Analyse lautet nicht, ob einzelne historische Behauptungen der AfD zutreffen. Sie fragt, welche politische Funktion historische Narrative erfüllen, wenn sie wiederholt in gegenwärtige Konflikte übertragen werden.
Mehrere peer-reviewte Studien und eine Stellungnahme des Historikers Jens-Christian Wagner für den Deutschen Bundestag dokumentieren ein wiederkehrendes Muster: Nationalsozialismus, DDR und Kommunismus werden in der AfD-Kommunikation als historische Vergleichsfolien genutzt; heutige politische Gegner werden mit diesen Systemen verbunden; zugleich inszeniert sich die AfD als Gegenkraft, als legitime Opposition oder als Vertreterin von Freiheit und „Normalität“.
Besonders relevant ist die Forschung zu „memory politics“ und „normalization“. Dilling und Krawatzek zeigen anhand von Bundestagsreden, dass die AfD historische Themen nicht schlicht häufiger als andere Parteien verwendet, aber spezifische Deutungsmuster etabliert. Richardson-Little, Merrill und Arlaud zeigen für Twitter/X, wie DDR-Erinnerung zur Delegitimierung politischer Gegner und zur Selbstinszenierung als Erbin der Bürgerrechtsbewegung eingesetzt wird. Zajak, Meuth und Best beschreiben Normalisierung als mehrdimensionalen Prozess, bei dem sich nicht nur politische Positionen, sondern auch gesellschaftliche Wahrnehmungsgrenzen dessen verschieben, was als normal und legitim gilt.
Die These dieser Analyse lautet daher: Erinnerungspolitik kann zur politischen Normalisierung beitragen, wenn sie historische Extrempunkte neu verortet, Gegner symbolisch radikalisiert und die eigene Position relativ dazu moderater erscheinen lässt.
Das ist eine funktionale Analyse. Sie beweist weder eine zentral gesteuerte Strategie noch die persönliche Motivation einzelner Politiker.
Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung, 7. April 2026 · British Journal of Political Science 54 (2024), 1296–1317 · Memory Studies 15(6) (2022), 1360–1377 · International Journal of Politics, Culture, and Society 39 (2026), 195–222
Kapitel 01
Forschungsfrage, Material und methodische Grenze
Die Leitfrage lautet: Wie nutzt die AfD historische Narrative, um politische Kategorien der Gegenwart neu zu ordnen – und welche Rolle spielen dabei Geschichtspolitik, Delegitimierung und Normalisierung?
Die Analyse stützt sich auf drei Ebenen von Quellen: erstens wissenschaftliche Forschung zu Erinnerungspolitik und Normalisierung; zweitens historische und institutionelle Einordnungen, insbesondere die Stellungnahme von Jens-Christian Wagner; drittens dokumentierte Kommunikationsbeispiele der AfD, die in den Studien als Primärmaterial ausgewertet wurden.
Methodische Grenze
Aus öffentlicher Kommunikation lässt sich die politische Funktion einer Aussage untersuchen, nicht zuverlässig die innere Absicht der Person, die sie äußert. Aussagen wie „sie weiß, dass es falsch ist“ oder „sie lügt bewusst“ wären ohne zusätzliche Belege spekulativ. Deshalb wird im Folgenden zwischen dokumentiertem Befund und analytischer Interpretation getrennt.
Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung, 7. April 2026 · British Journal of Political Science 54 (2024), 1296–1317 · Memory Studies 15(6) (2022), 1360–1377 · International Journal of Politics, Culture, and Society 39 (2026), 195–222
Kapitel 02
Geschichte als politischer Deutungsraum
Politische Erinnerung ist keine neutrale Speicherung von Vergangenheit. In der Forschung bezeichnet „memory politics“ die Auseinandersetzung darum, welche Ereignisse erinnert, welche Bedeutungen ihnen zugeschrieben und welche politischen Lehren daraus gezogen werden. Politische Akteure können dabei als „memory entrepreneurs“ auftreten: Sie wählen Ereignisse aus, verknüpfen sie miteinander und versuchen, ihre Interpretation in öffentlichen Debatten zu verankern.
Dilling und Krawatzek untersuchten alle Bundestagsdebatten von 2017 bis 2021 quantitativ und ergänzten dies durch eine qualitative Analyse von 1.134 AfD-Reden, Fragen und Interventionen aus den Jahren 2017 und 2018. Ihr Ergebnis ist differenziert: Die AfD verwendet historische Sprache insgesamt nicht eindeutig häufiger als andere Parteien. Auffällig ist jedoch die stärkere Beschäftigung mit Begriffen und Themen rund um Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg sowie die Art, wie historische Bezüge argumentativ eingesetzt werden.
Die Autoren finden dabei drei Formen des Umgangs mit etablierten Erinnerungskulturen: akzeptieren, minimieren und zurückweisen. Besonders häufig sind nicht offene Leugnungen, sondern Relativierungen, Vergleiche und Rekontextualisierungen. In der Analyse werden etwa Vergleiche gegenwärtiger Politik mit Nationalsozialismus oder DDR, die Verwendung historisch stark belasteter Begriffe sowie die rhetorische Verbindung von Nationalsozialismus und Sozialismus dokumentiert.
Memory Politics
Politischer Umgang mit kollektiv erinnerter Vergangenheit.
Memory Regime
Institutionen, Regeln und Routinen, die öffentliches Erinnern prägen.
Der analytisch entscheidende Punkt ist deshalb nicht: Wird Geschichte vollständig geleugnet? Sondern: Welche Bedeutung erhält sie für die Gegenwart?
Quellen: British Journal of Political Science 54 (2024), 1296–1317
Kapitel 03
Mechanismus I: Historische Kategorien neu ordnen
Die vorherige politfacts-Analyse hat die Behauptung untersucht, Hitler und die NSDAP seien politisch „links“ gewesen. Für die vorliegende Analyse ist diese Behauptung nur noch als Beispiel relevant. Entscheidend ist ihre Funktion innerhalb eines größeren Deutungsrahmens.
Dilling und Krawatzek dokumentieren in AfD-Bundestagsbeiträgen wiederkehrende Formulierungen, in denen Nationalsozialismus als „nationaler Sozialismus“ oder als eine weitere Form des Sozialismus beschrieben wird. Parallel wird die DDR beziehungsweise kommunistische Herrschaft als Bezugspunkt verwendet, um gegenwärtige Politik zu kritisieren. Die Autoren fassen dies zusammen als:
“strategic politicization of past events to promote the AfD’s worldview”
Wagner beschreibt für rechtsextremen Geschichtsrevisionismus einen ähnlichen Mechanismus: Belastende Elemente der Geschichte werden verkleinert, verschoben oder so umgedeutet, dass Täter- und Opferrollen beziehungsweise politische Verantwortungszuschreibungen verändert werden. In seiner Bundestags-Stellungnahme bezieht er sich ausdrücklich auf die Behauptung, die Nationalsozialisten seien „Linke“ gewesen, und interpretiert deren Funktion als Versuch, rechtsextremes Denken vom Stigma des Holocaust zu lösen und zugleich politische Gegner damit zu belasten.
Einordnung des Historikers Jens-Christian Wagner
Diese Interpretation stammt von Wagner; sie ist keine von politfacts behauptete Kenntnis über die persönliche Motivation einzelner AfD-Politiker. Als Funktionsanalyse ist sie jedoch unmittelbar relevant: Wird der Nationalsozialismus aus dem rechten Spektrum herausdefiniert, verändert sich der historische Referenzpunkt für „rechts“ und „rechtsextrem“.
Quellen: British Journal of Political Science 54 (2024), 1296–1317 · Bundeszentrale für politische Bildung, 7. April 2026 · Deutscher Bundestag, Ausschussdrucksache 20(22)184, 29. Januar 2025
Kapitel 04
Mechanismus II: Die Vergangenheit auf politische Gegner übertragen
Die zweite Ebene ist die Übertragung historischer Diktaturerfahrungen auf heutige demokratische Gegner. Hier liefert die Studie von Richardson-Little, Merrill und Arlaud besonders anschauliche Befunde. Die Autoren analysierten 668 politische Jahrestags-Tweets zu vier DDR-bezogenen Ereignissen zwischen 2006 und 2021; 127 Tweets stammten von 35 AfD-Accounts.
668
Jahrestags-Tweets (2006–2021)
127
Tweets von AfD-Accounts
35
AfD-Accounts
Die AfD nutzte diese Jahrestage demnach nicht nur zum Erinnern, sondern häufig zur aktuellen politischen Positionierung. Zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953 veröffentlichte der offizielle AfD-Account beispielsweise „Nie wieder #Sozialismus!“ und färbte in der begleitenden Bildmontage sowjetische Panzer rot und grün, womit SPD, Linke und Grüne symbolisch mit der damaligen Repression verknüpft wurden. Die Forscher weisen darauf hin, dass auch andere Parteien antisozialistische Botschaften verwendeten, die AfD jedoch stärker dazu neigte, aktuelle Gegner unmittelbar mit diktatorischen historischen Akteuren zu verbinden.
Zum Jahrestag des Mauerbaus erklärte ein AfD-Beitrag, „das sozialistische Monster“ sei zurück, und verknüpfte die Aussage mit Kritik an der CDU. Ein anderer AfD-Berlin-Beitrag behauptete zum Mauerfall: „Wir SIND die Bürgerrechtler der DDR.“
Damit werden historische Rollen auf die Gegenwart übertragen: Auf der einen Seite steht die vermeintlich totalitäre politische Elite, auf der anderen Seite eine AfD, die sich als moderne Widerstandsbewegung inszeniert. Richardson-Little und Kollegen beschreiben diese Selbstpositionierung als Kombination aus Opfer- und Heldenrolle – als „victimized heroes“ gegenüber einer angeblich monolithischen und totalitären Elite.
Darstellung des in der Forschung beschriebenen Kommunikationsmusters – keine Gleichsetzung historischer Systeme mit der heutigen Bundesrepublik.
Quellen: Memory Studies 15(6) (2022), 1360–1377 · Primärmaterial im Datensatz von Richardson-Little et al. (2022)
Kapitel 05
Mechanismus III: Gegner radikalisieren, die eigene Position relativieren
Die politische Bedeutung entsteht aus der Relation. Wer einen demokratischen Gegner regelmäßig sprachlich in Richtung „Sozialismus“, „DDR“, „Gleichschaltung“ oder sogar Nationalsozialismus verschiebt, verändert den Referenzrahmen, innerhalb dessen die eigene Position wahrgenommen wird.
Die Bundestagsanalyse von Dilling und Krawatzek zeigt, dass kommunistische Repression häufig als Vergleichspunkt dient, um die Bundesrepublik als unzureichend vom Kommunismus gelöst darzustellen. Gegenwärtige Politik wird mit kommunistischer Herrschaft gleichgesetzt, andere Parteien und Institutionen werden als von kommunistischen Ideen geprägt beschrieben, und die AfD präsentiert sich in solchen Passagen als einzige tatsächliche Opposition in einem angeblich weit nach links verschobenen System.
Das lässt sich als relationale Verschiebung lesen: Die eigene Position muss sich nicht programmatisch verändern, um im Vergleich moderater zu erscheinen. Es genügt, die wahrgenommene Position des Gegners und die historischen Extrempunkte zu verschieben. Diese Interpretation ist eine analytische Ableitung aus den dokumentierten Mustern; sie ist nicht identisch mit dem Nachweis einer bewussten, zentral gesteuerten Gesamtstrategie.
| Historischer Bezug | Gegenwartsübertragung | Mögliche politische Funktion |
|---|---|---|
| Nationalsozialismus wird als „Sozialismus“ gerahmt | Linke beziehungsweise liberale Gegner werden historisch belastet | Entkopplung von „rechts“ und NS-Referenz; Verschiebung politischer Kategorien |
| DDR/SED als Diktaturreferenz | Gegenwärtige Institutionen oder Parteien werden mit DDR/Sozialismus verglichen | Delegitimierung demokratischer Gegner |
| 1989 und Bürgerrechtsbewegung | AfD inszeniert sich als heutige Widerstandsbewegung | Selbstlegitimierung als Freiheits- und Oppositionskraft |
| „Normalität“ und „Mitte“ | AfD beschreibt sich als normale beziehungsweise vernünftige Alternative | Perzeptive Normalisierung |
Ebene A · klassische Einordnung
Ebene B · kommunikativ verschoben
NS · Kommunismus · „Sozialismus“ · heutige Gegner
„konservativ“ · „libertär“ · „normal“ · Opposition
Schematische Rekonstruktion eines Kommunikationsmusters – keine politikwissenschaftliche Einordnung.
Quellen: British Journal of Political Science 54 (2024), 1296–1317
Kapitel 06
Mechanismus IV: Die eigene Position als „normal“ markieren
Die Analyse wird besonders relevant, wenn sie mit Forschung zur Normalisierung der extremen beziehungsweise radikalen Rechten verbunden wird. Zajak, Meuth und Best unterscheiden diskursive, politische, zivilgesellschaftliche, ökonomische und perzeptive Normalisierung.
Diskursiv
Begriffe, Frames und Praktiken gelangen in breitere öffentliche Debatten.
Politisch
Kooperation, parlamentarische Praxis oder institutionelle Anerkennung verändern die Stellung einer Partei.
Zivilgesellschaftlich
Grenzen von Akzeptanz und Zusammenarbeit in Verbänden und Öffentlichkeit verschieben sich.
Ökonomisch
Materielle und organisatorische Ressourcen erhöhen Reichweite und Beständigkeit.
Perzeptiv
Menschen nehmen Akteure oder Positionen zunehmend als normal und legitim wahr.
Diskursive Normalisierung beschreibt Prozesse, in denen vormals randständige Ideen, Frames oder Praktiken in breitere öffentliche Debatten eindringen. In ihrem Modell gehören dazu unter anderem das Verschieben von Diskursgrenzen, Tabubrüche, ideologische Neuverknüpfungen und Desinformation. Perzeptive Normalisierung bezeichnet dagegen den Prozess, in dem Akteure und Positionen zunehmend als normal, legitim oder mit demokratischen Werten vereinbar wahrgenommen werden.
Normalisierung bedeutet nicht zwingend, dass sich eine Partei programmatisch zur politischen Mitte bewegt. Sie kann auch dadurch entstehen, dass sich gesellschaftliche Wahrnehmungsgrenzen dessen verschieben, was als extrem oder normal gilt.
Die Autorinnen und Autoren verweisen dabei auch auf die AfD-Kampagne „Deutschland. Aber normal.“ von 2021. Sie interpretieren sie als Selbstpräsentation als „normale“ demokratische Partei, die zugleich beansprucht, gesunden Menschenverstand und gesellschaftliche Mitte zu repräsentieren.
Quellen: International Journal of Politics, Culture, and Society 39 (2026), 195–222 · Alternative für Deutschland (2021), ausgewertet bei Richardson-Little et al. und Zajak et al.
Kapitel 07
Die Mitte als umkämpfte Kategorie
„Mitte“ ist keine naturgegebene Position. Sie ist eine relationale politische Kategorie. Wo sie wahrgenommen wird, hängt davon ab, welche Positionen als äußerste Bezugspunkte gelten und welche Begriffe gesellschaftlich akzeptiert sind.
Daraus folgt eine prüfbare Hypothese: Wenn historische Extrempunkte neu verortet werden und demokratische Gegner zugleich mit Diktaturbegriffen belegt werden, kann die eigene Position relativ zur konstruierten Vergleichsachse moderater erscheinen. Die AfD muss dafür nicht behaupten, ihre Programmatik verändert zu haben. Entscheidend ist, ob sich der Referenzrahmen verändert.
Zajak, Meuth und Best zeigen, dass solche Wahrnehmungsprozesse empirisch messbar sind. In ihrer repräsentativen DeZIM-Panel-Befragung vom März 2024 betrachteten 22,8 Prozent die AfD als eher oder vollständig „normal“, 68,2 Prozent dagegen als eher oder vollständig nicht normal. Die Studie versteht diese Wahrnehmung nicht als direkte Zustimmung zu rechtsextremer Ideologie, sondern als eigene Dimension von Normalisierung.
22,8 %
eher oder vollständig „normal“
68,2 %
eher oder vollständig nicht normal
DeZIM-Panel, Erhebung März 2024.
Damit ist die wissenschaftlich relevante Frage nicht, ob die AfD „objektiv die Mitte“ sei. Eine solche Bewertung wäre analytisch zu grob. Relevanter ist, ob und wie sich Wahrnehmungsschwellen verschieben und welche Rolle politische Sprache und historische Narrative dabei spielen.
Quellen: International Journal of Politics, Culture, and Society 39 (2026), 195–222
Kapitel 09
Wo endet legitime Geschichtsdebatte – wo beginnt Revisionismus?
Geschichtswissenschaft lebt von Revision im eigentlichen wissenschaftlichen Sinn: Neue Quellen und neue Methoden können frühere Interpretationen korrigieren. Wagner weist deshalb ausdrücklich darauf hin, dass „Revision“ an sich ein normaler wissenschaftlicher Vorgang ist. Problematisch wird es dort, wo wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse durch ideologisch geprägte Geschichtsbilder ersetzt, belastende Elemente systematisch kleingeredet oder Täter-Opfer-Zuschreibungen umgekehrt werden.
Für eine seriöse politfacts-Analyse folgt daraus: Nicht jede abweichende historische Interpretation ist automatisch Geschichtsrevisionismus. Entscheidend sind Quellenlage, Methode und Umgang mit Gegenbelegen. Aussagen müssen daran gemessen werden, ob sie neue empirische Evidenz liefern oder lediglich bestehende politische Narrative bestätigen.
Diese Unterscheidung schützt die Analyse vor einem Zirkelschluss: Eine Position ist nicht deshalb falsch, weil sie von einer bestimmten Partei stammt. Sie ist dann historisch nicht tragfähig, wenn sie den verfügbaren Quellen und dem Forschungsstand nicht standhält.
Memory Entrepreneur
Akteur, der bestimmte Vergangenheitsdeutungen auswählt und politisch anbietet.
Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung, 7. April 2026
Kapitel 10
Ein verwandtes Muster: Konflikte um wissenschaftliche Autorität
Über Erinnerungspolitik hinaus stellt sich die Frage, ob ähnliche Kommunikationsmuster in anderen Wissensfeldern auftreten. Ein naheliegendes Beispiel ist die Klimapolitik. Die AfD bestreitet in Programmdokumenten zentrale Aussagen des etablierten Forschungsstandes zum menschengemachten Klimawandel. Der Vergleich darf jedoch nicht überzogen werden: Geschichtswissenschaft und Klimawissenschaft arbeiten mit unterschiedlichen Gegenständen und Methoden.
Vergleichbar ist lediglich die epistemische Struktur: Politischer Streit richtet sich nicht nur auf die Konsequenzen wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern teilweise auf die Geltung des Forschungsstandes selbst. Für die vorliegende Analyse ist das ein ergänzender Befund, kein Beweis für eine einheitliche Strategie über sämtliche Politikfelder hinweg.
Kapitel 11
Was sich belegen lässt – und was nicht
Belegt beziehungsweise gut gestützt
- • Die AfD politisiert Geschichte in dokumentierten, wiederkehrenden Mustern.
- • NS- und DDR-Bezüge werden für aktuelle politische Vergleiche verwendet.
- • Politische Gegner werden teilweise mit vergangenen Diktaturen oder deren Begriffen verbunden.
- • Die AfD inszeniert sich in Teilen der Kommunikation als Widerstands- oder Freiheitskraft.
- • Normalisierung kann auch durch verschobene Wahrnehmungsgrenzen entstehen.
Nicht belegt / nicht ableitbar
- • Dass jede einzelne Aussage zentral koordiniert ist.
- • Dass jeder AfD-Politiker dieselbe historische Strategie verfolgt.
- • Dass eine bestimmte Person bewusst die Unwahrheit sagt, sofern dafür kein direkter Beleg vorliegt.
- • Dass historische Narrative allein die gesellschaftliche Normalisierung der AfD verursachen.
- • Dass jede historische Provokation automatisch Geschichtsrevisionismus darstellt.
Kapitel 12
Einordnung
Die vorliegenden Studien zeichnen kein Bild einer Partei, die Geschichte einfach vollständig verwirft. Gerade das macht das Phänomen analytisch relevanter. Die dokumentierten Muster funktionieren häufig durch Auswahl, Vergleich und Umrahmung: Teile des etablierten historischen Gedächtnisses werden anerkannt, andere relativiert oder für aktuelle politische Konflikte funktionalisiert.
Die Aussage „Hitler war links“ ist in diesem Zusammenhang nicht das Zentrum der Analyse, sondern ein besonders sichtbares Beispiel. Vergleichbare Mechanismen zeigen sich beim Umgang mit DDR-Erinnerung, der Aneignung der Bürgerrechtsbewegung von 1989, der Verwendung von Diktaturbegriffen für heutige Gegner und der Selbstbeschreibung als „normal“ beziehungsweise als eigentliche Opposition gegen eine vermeintlich totalitäre politische Elite.
Der gemeinsame Nenner ist der Kampf um politische Deutungshoheit: Wer bestimmt, welche Vergangenheit als Vergleichsmaßstab gilt? Wer darf sich auf Widerstand, Freiheit oder Demokratie berufen? Und wo verläuft dadurch in der Gegenwart die Grenze zwischen Mitte, Rand und Extrem?
Quellen: British Journal of Political Science 54 (2024), 1296–1317 · Memory Studies 15(6) (2022), 1360–1377 · International Journal of Politics, Culture, and Society 39 (2026), 195–222
Kapitel
Fazit
Die Forschung stützt die Annahme, dass Erinnerungspolitik innerhalb der AfD-Kommunikation eine politische Funktion erfüllt, die über historische Debatten hinausgeht. Vergangenheit wird genutzt, um Gegenwart zu strukturieren: Gegner erhalten historische Rollen, die eigene Partei erhält historische Legitimation, und die Grenzen politischer Kategorien können sich dadurch verschieben.
Das bedeutet nicht, dass jede problematische Geschichtsbehauptung Teil eines zentral geplanten Masterplans ist. Es bedeutet auch nicht, dass sich aus einzelnen Aussagen die persönliche Motivation ihrer Urheber sicher ableiten lässt. Belegt ist jedoch ein wiederkehrendes Kommunikationsmuster, das von mehreren unabhängigen wissenschaftlichen Arbeiten mit unterschiedlichen Methoden beschrieben wird.
Der entscheidende Effekt liegt möglicherweise gerade darin, dass politische Normalisierung nicht zwingend durch programmatische Mäßigung erfolgen muss. Sie kann auch dann stattfinden, wenn sich der Maßstab verändert, an dem „normal“, „rechts“, „links“ oder „extrem“ gemessen werden.
Geschichte ist deshalb in solchen Debatten nicht bloß Vergangenheit. Sie ist ein Instrument zur Ordnung der politischen Gegenwart.
Transparenz
Quellen und Literatur
Wissenschaftliche Literatur
- The Populist Radical Right as Memory Entrepreneur?British Journal of Political Science 54 (2024), 1296–1317
- Far-right anniversary politics and social mediaMemory Studies 15(6) (2022), 1360–1377
- The Dynamics of (De-)Normalization of the Far RightInternational Journal of Politics, Culture, and Society 39 (2026), 195–222
Historische und institutionelle Quellen
Primärquellen
- Programm für Deutschland / GrundsatzprogrammAlternative für Deutschland (2017), ausgewertet bei Richardson-Little et al.
- Deutschland. Aber normal. / Bundestagswahlprogramm 2021Alternative für Deutschland (2021), ausgewertet bei Richardson-Little et al. und Zajak et al.
- Dokumentierte AfD-Posts zu 17. Juni, Mauerbau, Mauerfall und WiedervereinigungPrimärmaterial im Datensatz von Richardson-Little et al. (2022)
Hinweis zur Einordnung
Die Analyse unterscheidet zwischen dokumentierten Aussagen, Ergebnissen wissenschaftlicher Studien und daraus abgeleiteten Interpretationen. Wo eine Quelle eine politische Funktion ausdrücklich interpretiert, wird dies als Position der jeweiligen Autorinnen und Autoren kenntlich gemacht. Die Analyse erhebt keinen Anspruch, individuelle Motive ohne direkten Beleg zu kennen.
„Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“
— George Orwell, 1984
Kapitel 08
Social Media als Beschleuniger erinnerungspolitischer Konflikte
Die Forschung zu AfD-Kommunikation auf Twitter/X zeigt, warum soziale Medien für Erinnerungspolitik besonders geeignet sind. Richardson-Little und Kollegen verweisen auf die Plattformlogik von Hashtags, Retweets, Antworten und direkten Erwähnungen. Historische Jahrestage werden dadurch nicht nur erinnert, sondern können zu „mnemonic battlefronts“ werden – zu Konfliktfeldern, auf denen politische Deutung und Gegenwartsbezug miteinander verschmelzen.
Die Studie beschreibt zudem, wie direkte Erwähnungen politischer Gegner als „mnemonic combat strategy“ eingesetzt werden konnten: historische Erinnerung dient dann nicht nur der Positionierung der eigenen Partei, sondern auch dem Angriff auf konkrete politische Akteure.
Das ist für die heutige Kommunikationsumgebung bedeutsam. Historische Analogien sind kurz, emotional anschlussfähig und leicht teilbar. Sie benötigen oft weniger Erklärung als eine komplexe politische Argumentation. Gleichzeitig können sie bestehende moralische Kategorien der Geschichte auf aktuelle Akteure übertragen.
Quellen: Memory Studies 15(6) (2022), 1360–1377