Wie viel Zuwanderung braucht Deutschland?
- Autor:
- politfacts
- Veröffentlicht:
- 28. Juli 2026
- Letzte Aktualisierung:
- 28. Juli 2026
- Lesedauer:
- ca. 3 Minuten
Worum geht es hier?
Warum Deutschland über Zuwanderung diskutiert und welche Faktoren den tatsächlichen Bedarf bestimmen.
- Warum Deutschland altert.
- Warum der Arbeitsmarkt betroffen ist.
- Welche Rolle Zuwanderung spielt.
- Was die Daten zeigen.
- Was die Daten nicht zeigen.
Kurz erklärt
Deutschland altert: Große Jahrgänge verlassen den Arbeitsmarkt, kleinere rücken nach.
Zuwanderung erhöht die Bevölkerung und das mögliche Arbeitskräfteangebot, hebt die Alterung in keinem ausgewerteten Szenario auf.
Eine einzelne wissenschaftlich belastbare Zielzahl für den Zuwanderungsbedarf gibt es nicht.
Wie groß der Bedarf ist, hängt zugleich von Geburtenrate, Erwerbsbeteiligung, Arbeitszeit, Produktivität sowie Qualifikation und Anerkennung ab.
Das Wichtigste auf einen Blick
Ende 2025 lebten 83,5 Millionen Menschen in Deutschland – rund 0,1 Prozent weniger als 2024.
2025 glich die Nettozuwanderung von 235.000 Personen das Geburtendefizit von 352.000 Personen nicht mehr aus.
2024 kamen 32,7 Personen ab 67 Jahren auf 100 Personen zwischen 20 und 66 Jahren. Bis 2035 steigt der Wert auf 42,4 bis 43,9.
Für 2025 bis 2029 sind 5,26 Millionen altersbedingte Abgänge aus der Erwerbstätigkeit modelliert.
Rechnerisch fehlen 440.000 Personen – gleichzeitig gibt es Überhänge auf Helfer- und Spezialistenniveau.
Selbst 350.000 Nettozuzüge pro Jahr führen bis 2070 zu einer kleineren Bevölkerung als 2024.
Zahlen & Fakten
Die Datenlage
- Einwohnerinnen und Einwohner Ende 2025
- 83,5 Mio.
- Nettozuwanderung 2025
- 235.000
- Geburtendefizit 2025
- 352.000
- Altersbedingte Abgänge 2025–2029
- 5,26 Mio.
- Rechnerische Unterdeckung 2025–2029
- 440.000
- Bevölkerung im Erwerbsalter bis 2060
- −22 %
Ende 2024: 83,58 Millionen
45 Prozent weniger als 2024 (430.183)
654.241 Lebendgeborene – niedrigster Wert seit 1946
modellierter Ersatzbedarf, rund 1 Million pro Jahr
Neubedarf 4,81 Mio. gegenüber Neuangebot 4,37 Mio.
OECD-Basisszenario für Deutschland
Altersstruktur: Wer arbeitet, wer ist im Ruhestand?
Mittlere Variante W2 der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung
Millionen Personen
- 20 bis 66 Jahre
- 67 Jahre und älter
Quelle: Eigene Darstellung und Summierung der 16 Länder nach Destatis 2025a, Tabelle 12421-01; Variante G2L2W2. Angaben in Millionen.
Altenquotient: Ältere je 100 Personen im Erwerbsalter
Drei Wanderungsszenarien im Vergleich (W1 niedrig, W2 mittel, W3 hoch)
Personen ab 67 je 100 Personen von 20 bis 66 Jahren
Auch im Szenario mit 350.000 Nettozuzügen pro Jahr (W3) steigt der Quotient bis 2070 deutlich an.
Quelle: Eigene Berechnung aus Destatis 2025a, Tabelle 12421-01. Quotient: Bevölkerung ab 67 / Bevölkerung von 20 bis 66 × 100.
Nettozuwanderung 2015 bis 2025
Differenz aus Zuzügen und Fortzügen – alle Personengruppen
Personen
Einzelne Krisenjahre sind kein geeigneter Maßstab für langfristige Annahmen.
Quelle: Destatis 2026c, Tabelle „Wanderungen zwischen Deutschland und dem Ausland von 1950 bis 2025“. 2025: 1.479.944 Zuzüge minus 1.244.944 Fortzüge = 235.000.
Arbeitsmarktbilanz 2025 bis 2029
Modellierte Ströme des Fachkräftemonitorings
Millionen Stellen bzw. Personen
Zwischen Neubedarf und Neuangebot verbleibt eine rechnerische Unterdeckung von 440.000 Personen. Nach Abbau von 450.000 Arbeitsplätzen sinkt der Ersatzbedarf auf den Neubedarf.
Quelle: Eigene Darstellung nach Zika et al. 2025, S. 11–12, 34–36 und 52–54.
Erwerbspersonenpotenzial 2060 nach Wanderungsannahme
IAB-Szenarien mit steigenden Erwerbsquoten, Ausgangswert 47,42 Millionen (2020)
Millionen potenzielle Erwerbspersonen
Die Zahl 400.000 ist kein universeller Bedarf, sondern das Ergebnis eines bestimmten Modells.
Quelle: Fuchs, Söhnlein und Weber 2021, Tabelle T2, S. 4. Wanderungssaldo aller Altersgruppen, nicht nur von Arbeitskräften; Modellstand 2020/2021.
Was bedeuten diese Zahlen?
Deutschlands demografische Herausforderung ist nicht in erster Linie eine schnell schrumpfende Bevölkerung. Entscheidend ist, wie sich das Verhältnis der Altersgruppen verschiebt. Große Jahrgänge – die sogenannten Babyboomer – verlassen den Arbeitsmarkt, kleinere Jahrgänge rücken nach.
Das zeigt sich schon heute. Ende 2024 lebten 83,58 Millionen Menschen in Deutschland, Ende 2025 waren es 83,5 Millionen. 2024 hatte die Zuwanderung das Geburtendefizit noch mehr als ausgeglichen. 2025 reichte der Wanderungsgewinn von 235.000 Personen dafür nicht mehr aus, weil 352.000 mehr Menschen starben als geboren wurden.
Wichtiger als die Gesamtzahl ist die Altersstruktur. 2024 waren 51,25 Millionen Menschen zwischen 20 und 66 Jahre alt, 16,74 Millionen waren 67 Jahre oder älter. Auf 100 Personen im Erwerbsalter kamen also rund 33 ältere Personen. Bis 2035 steigt dieser Wert auf 42 bis 44 – unabhängig davon, wie viel Zuwanderung angenommen wird. Der Grund: Die Babyboomer sind bereits geboren und wechseln in den kommenden Jahren ohnehin in die ältere Gruppe.
Auf dem Arbeitsmarkt wird das konkret. Für 2025 bis 2029 sind 5,26 Millionen altersbedingte Abgänge aus der Erwerbstätigkeit modelliert, im Schnitt gut eine Million pro Jahr. Weil zugleich rund 450.000 Arbeitsplätze wegfallen, bleibt ein Neubedarf von 4,81 Millionen Stellen. Dem steht ein Neuangebot von 4,37 Millionen Personen gegenüber. Rechnerisch fehlen 440.000 Personen.
Diese Lücke verteilt sich sehr ungleich. Auf Fachkraftniveau fehlen rechnerisch 530.000 Personen, auf Expertenniveau 270.000. Bei Helfertätigkeiten und auf Spezialistenniveau gibt es dagegen rechnerische Überhänge. Ein Mangel in der Summe bedeutet also nicht, dass in jedem Beruf Menschen fehlen.
Zuwanderung verändert diese Zahlen deutlich. Ohne Wanderungen sinkt das mögliche Arbeitskräfteangebot bis 2060 von 47,42 auf 33,69 Millionen Personen. Bei 400.000 Nettozuzügen pro Jahr bleibt es rechnerisch stabil. Die Alterung selbst verschwindet dadurch aber nicht: Auch im Szenario mit hoher Zuwanderung steigt der Altenquotient bis 2070 von 32,7 auf 47,9.
Deshalb lässt sich aus den Daten keine einzelne „richtige“ Zuwanderungszahl ableiten. Ein Wanderungssaldo sagt nichts über Alter, Qualifikation, Aufenthaltsdauer oder Erwerbsbeteiligung der Zu- und Fortziehenden. Und neben Migration wirken weitere Stellgrößen: Erwerbsbeteiligung, Arbeitszeit, Qualifizierung und Anerkennung sowie Produktivität. Keine dieser Größen ersetzt die anderen.
Was wir sicher wissen
- Ende 2025 lebten 83,5 Millionen Menschen in Deutschland; die Nettozuwanderung betrug 235.000 Personen (amtliche Statistik, Evidenzstufe A im Bericht).
- 2025 wurden 654.241 Kinder geboren – der niedrigste Wert seit 1946. Das Geburtendefizit lag bei 352.000 Personen.
- Die Bevölkerung altert in allen betrachteten Varianten der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung deutlich.
- Zuwanderung erhöht unter sonst gleichen Bedingungen die Bevölkerung und das Erwerbspersonenpotenzial.
- Fachkraft- und Expertenniveau weisen in der Arbeitsmarktbilanz 2025 bis 2029 die größte Unterdeckung auf.
- Die Aussage, Migration verhindere die Alterung, wird von keinem der ausgewerteten Szenarien gestützt.
Was wir nicht sicher wissen
- Alle Werte ab 2026 stammen aus bedingten Modellrechnungen, nicht aus Vorhersagen. Sie hängen von Annahmen zu Geburtenrate, Lebenserwartung und Wanderung ab.
- Wanderungsannahmen sind besonders unsicher: Der tatsächliche Saldo schwankte zwischen 220.251 (2020) und 1.462.089 Personen (2022).
- Der Wanderungssaldo sagt nichts über Alter, Qualifikation oder Erwerbsbeteiligung der Zu- und Fortziehenden aus.
- Der Ersatzbedarf von 5,26 Millionen ist eine Modellgröße, keine Statistik tatsächlich bewilligter Rentenzugänge.
- Ob und in welchem Umfang Automatisierung den Bedarf verändert, wird im ausgewerteten Bericht nicht untersucht. Dazu liegt hier keine Aussage vor.
- Eine belastbare Zielzahl für „notwendige“ Zuwanderung lässt sich aus den Quellen nicht ableiten (Evidenzstufe D im Bericht).
Warum diese Antwort nicht ganz einfach ist
Auf die Frage „Wie viel Zuwanderung braucht Deutschland?“ gibt es in den ausgewerteten Quellen keine einzelne Zahl. Der Bedarf ist kein feststehender Wert, sondern das Ergebnis mehrerer Stellgrößen, die gleichzeitig wirken und unterschiedliche Zeithorizonte haben.
- 01
Nettozuwanderung
Erhöht bei positivem Saldo die Bevölkerung und – abhängig von Alter und Erwerbsbeteiligung – das Arbeitskräfteangebot. Die Alterung wird gedämpft, nicht aufgehoben. Wirkung: kurz- bis langfristig.
- 02
Erwerbsbeteiligung von Frauen
Keine direkte demografische Wirkung, aber ein größerer Teil der vorhandenen Bevölkerung steht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Wirkung: kurz- bis mittelfristig.
- 03
Erwerbsbeteiligung Älterer
Verschiebt Abgänge aus dem Erwerbsleben nach hinten; Berufserfahrung bleibt länger verfügbar. Die Altersstruktur selbst ändert sich dadurch nicht. Wirkung: kurzfristig.
- 04
Bildung, Weiterbildung, Anerkennung
Verbessert die berufliche Passung, erhöht die Zahl der Personen aber kaum. Wirkung: mittel- bis langfristig.
- 05
Arbeitszeit
Die Personenzahl bleibt gleich, das geleistete Arbeitsvolumen steigt. Wirkung: kurzfristig.
- 06
Produktivität
Erhöht die Wertschöpfung je Arbeitsstunde und kann wirtschaftliche Folgen eines kleineren Arbeitskräfteangebots ausgleichen. Wirkung: mittel- bis langfristig.
- 07
Geburtenrate
Beeinflusst die Bevölkerung sofort, das Arbeitskräfteangebot aber erst mit rund zwei Jahrzehnten Verzögerung. Wirkung: langfristig.
Häufige Missverständnisse
„Deutschland braucht jedes Jahr 400.000 Zuwanderer.“
Die Zahl stammt aus einem IAB-Szenario von 2021. Dort stabilisiert ein Saldo von 400.000 das Erwerbspersonenpotenzial bis 2060 rechnerisch bei 47,87 Millionen. Sie ist kein universeller politischer oder ökonomischer Zielwert (Evidenzstufe D).
„Zuwanderung stoppt die Alterung der Gesellschaft.“
In keinem ausgewerteten Szenario. Selbst bei langfristig 350.000 Nettozuzügen pro Jahr steigt der Altenquotient bis 2070 von 32,7 auf 47,9. Migration dämpft den Anstieg, hebt ihn aber nicht auf (Evidenzstufe E).
„Wegen der Alterung fehlen bald in jedem Beruf Menschen.“
Engpässe und Überhänge bestehen gleichzeitig. Auf Helferniveau (+0,26 Mio.) und Spezialistenniveau (+0,09 Mio.) zeigt die Modellrechnung rechnerische Überhänge, auf Fachkraft- (−0,53 Mio.) und Expertenniveau (−0,27 Mio.) Unterdeckungen (Evidenzstufe E).
„Der Wanderungssaldo zeigt, wie viele Arbeitskräfte dazukommen.“
Nein. Der Saldo enthält alle Zu- und Fortzüge unabhängig von Alter, Qualifikation und Erwerbsbeteiligung. Eine Nettozuwanderung von 250.000 Personen bedeutet nicht, dass dem Arbeitsmarkt im selben Jahr 250.000 Fachkräfte zur Verfügung stehen.
„Deutschlands Bevölkerung bricht kurzfristig ein.“
Die Gesamtbevölkerung sank 2025 nur um rund 0,1 Prozent auf 83,5 Millionen. Das eigentliche Thema ist die Verschiebung der Altersstruktur, nicht ein schneller Rückgang der Einwohnerzahl.
„Mehr Erwerbsbeteiligung im Inland macht Zuwanderung überflüssig.“
Steigende Erwerbsquoten von Frauen und Älteren erhöhen das Erwerbspersonenpotenzial bis 2060 im Nullwanderungsszenario um 2,39 Millionen Personen. Der demografische Rückgang ist mit 13,73 Millionen deutlich größer.
Auf einen Blick
Deutschland braucht dauerhaft Zuwanderung, um Bevölkerung und Arbeitskräfteangebot zu stützen – eine belastbare einzelne Zielzahl lässt sich aus den ausgewerteten Daten jedoch nicht ableiten.
- Evidenzgrad
- Teilweise belegt
Die demografischen Befunde sind durch Destatis, IAB/QuBe, OECD und Eurostat übereinstimmend belegt (Evidenzstufe B im Bericht: gut belegt, mit Einschränkungen). Für eine konkrete „notwendige“ Zuwanderungszahl reichen die Daten nicht aus; der Bericht stuft diese Aussage als nicht eindeutig belegbar ein (Stufe D).
- Datenstand
- Beobachtete Daten bis 2025 · Bevölkerungsvorausberechnung 2024–2070 · Fachkräftemonitoring 2025–2029 · IAB-Projektion 2020–2060 · OECD bis 2060 · Eurostat/EUROPOP2025 bis 2100
- Letzte Aktualisierung
- 28. Juli 2026
Quellen
- 1
16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Tabelle 12421-01 (Varianten G2L2W1 bis G2L2W3)
Statistisches Bundesamt (Destatis) · 2025
Bedingte Modellrechnung, keine Vorhersage.
- 2
Bevölkerungsfortschreibung und Wanderungsstatistik (Bevölkerungsstand, Geburten, Sterbefälle, Zu- und Fortzüge bis 2025)
Statistisches Bundesamt (Destatis) · 2025/2026
Im Bericht zitiert als Destatis 2025b und Destatis 2026a–d.
- 3
Zika et al.: Fachkräftemonitoring – Mittelfristprognose 2025 bis 2029
Bundesministerium für Arbeit und Soziales / QuBe-Projekt von BIBB, IAB und GWS · 2025
Insbesondere S. 11–12, 34–36, 40–43 und 52–54.
- 4
Fuchs, Söhnlein und Weber: Projektion des Erwerbspersonenpotenzials bis 2060, Tabelle T2
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) · 2021
- 5
Auswertung zu internationaler Migration (Definitionen dauerhafter, temporärer und humanitärer Migration)
OECD · 2025
Im Bericht zitiert als OECD 2025a.
- 6
Länderauswertung Deutschland: Alterung, Erwerbstätigkeit, Migration, Produktivität und Pro-Kopf-Wachstum bis 2060
OECD · 2025
Im Bericht zitiert als OECD 2025b, S. 3 bzw. Online-Ländernotiz.
- 7
Bevölkerungsstruktur und Alterung in der EU sowie EUROPOP2025-Bevölkerungsprojektionen
Eurostat · 2025/2026
Im Bericht zitiert als Eurostat 2025 und Eurostat 2026a/b.
- 8
Migrationsszenarien zur europäischen Bevölkerungsentwicklung bis 2100
Europäische Kommission / Joint Research Centre (JRC) · 2026
- 9
Migration, Gewaltkriminalität und Remigration, Kapitel 2: Demografischer Wandel Deutschlands, Version 1.0
politfacts research · 2026
Grundlage dieser Wissensseite. Alle Angaben stammen ausschließlich aus diesem Kapitel.
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Wie wirkt sich Zuwanderung auf den Arbeitsmarkt aus?
In Vorbereitung. Diese Wissensseite wird hier automatisch verlinkt.
Was zeigt die Kriminalstatistik zu Migration?
In Vorbereitung. Diese Wissensseite wird hier automatisch verlinkt.
Wie entwickelt sich die Bevölkerung Deutschlands?
Bevölkerungszahl, Altersstruktur, Geburten und Erwerbsbevölkerung – was die Daten zum demografischen Wandel zeigen.
Kein Bullshit. Nur Fakten. Einfach erklärt.
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