Welche Rolle könnte Kernenergie künftig spielen?
- Autor:
- politfacts
- Veröffentlicht:
- 29. Juli 2026
- Letzte Aktualisierung:
- 29. Juli 2026
- Lesedauer:
- ca. 17 Minuten
Worum geht es hier?
Deutschland hat die Stromerzeugung aus Kernenergie am 15. April 2023 beendet. Über die Frage, ob Kernkraft zurückkehren könnte, wird trotzdem weiter diskutiert. Diese Seite beschreibt anhand amtlicher Quellen und einer wissenschaftlichen Analyse, welche Anlagen es in Deutschland überhaupt noch gibt, in welchem Zustand sie sind, welche Aufgaben aus der früheren Nutzung bis heute offen sind – vor allem die Entsorgung –, welche Zeiträume dafür veranschlagt werden und wie sich Kernkraft international wirtschaftlich und technisch entwickelt hat. Sie bewertet nicht politisch, ob ein Wiedereinstieg wünschenswert wäre.
- Wie viel Strom Kernenergie in Deutschland früher lieferte und wann der Ausstieg endete
- Welche kerntechnischen Anlagen 2024 noch existierten und in welchem Zustand
- Wie lange Rückbau, Zwischenlagerung und Endlagersuche dauern
- Wie sich Kosten, Bauzeiten und Marktanteil der Kernenergie weltweit entwickelt haben
- Was über neue Reaktorkonzepte wie SMR und schnelle Brüter bekannt ist
- Was ein Wiedereinstieg praktisch voraussetzen würde: Brennstoff, Personal, Genehmigungen, Kosten
- Welche häufigen Annahmen sich mit den Daten nicht decken
Kurz erklärt
In Deutschland ist die gewerbliche Stromerzeugung aus Kernenergie abgeschlossen: Am 15. April 2023 gingen mit Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 die letzten drei Kernkraftwerke außer Betrieb.
Zum 31. Dezember 2024 befanden sich 33 Kernkraftwerksblöcke in Stilllegung, drei waren vollständig abgebaut und aus dem Atomgesetz entlassen; kein einziger Block war im Leistungsbetrieb.
Die Aufgaben aus der früheren Nutzung laufen dagegen weiter: Rückbau, Zwischenlagerung hochradioaktiver Abfälle und die Suche nach einem Endlager, dessen Standort frühestens 2046 feststeht.
International ist Kernkraft rückläufig: Ihr Anteil an der weltweiten Stromerzeugung fiel von 17,6 Prozent (1996) auf unter 10 Prozent (2021); bis 2040 gehen rund 200 Reaktoren vom Netz, dem stehen 53 Neubauprojekte gegenüber (DIW 2023).
Neue Reaktorkonzepte sind nach der DIW-Analyse weder zeitnah verfügbar noch wettbewerbsfähig: Für SMR-Konzepte werden Stromgestehungskosten von durchschnittlich 213 bis 581 US-Dollar je Megawattstunde erwartet.
Ein schneller Wiedereinstieg ist nach dem Fraunhofer-Faktencheck von 2024 nicht möglich: Rechnerisch kämen noch etwa acht Blöcke für eine Reaktivierung in Frage, doch allein die Beschaffung neuer Brennelemente dauert zwölf Monate bis zwei Jahre; hinzu kommen Gesetzesänderungen, Sicherheitsprüfungen, fehlendes Personal und die fehlende Bereitschaft der bisherigen Betreiber, die Reaktivierung und Neubau vor allem aus Kostengründen ablehnen.
Zusammengenommen ergibt sich eine klare Antwort: Nach der vorliegenden Datenlage spricht kein belastbarer wirtschaftlicher oder energiepolitischer Befund für einen Wiedereinstieg – Kernenergie wäre teurer als Wind und Photovoltaik, käme frühestens nach 2040 ans Netz und würde die ungelöste Endlagerfrage vergrößern.
Das Wichtigste auf einen Blick
Der Ausstieg ist rechtlich abgeschlossen: Das 19. Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes vom 9. Dezember 2022 beendete die gewerbliche Stromerzeugung aus Kernenergie zum 15. April 2023 (BASE 2024).
Der Anteil der Kernenergie am Primärenergieverbrauch sank von 11,2 Prozent im Jahr 1990 auf 3,2 Prozent 2022, 0,7 Prozent 2023 und 0,0 Prozent seit 2024 (AGEB).
Zum 31.12.2024 waren 33 Kernkraftwerksblöcke mit zusammen 27.697 MW Bruttoleistung in Stilllegung und drei Blöcke vollständig abgebaut; in Betrieb sind nur noch sechs Forschungsreaktoren, die Urananreicherung Gronau und die Brennelementfabrik Lingen (BASE 2024).
Weltweit sinkt der Anteil der Atomenergie an der Stromerzeugung: von 17,6 Prozent (1996) auf 9,8 Prozent (2021). Die absolute Erzeugung liegt seit den späten 1990er Jahren praktisch unverändert bei rund 2.600 TWh pro Jahr (DIW 2023).
Strom aus SMR-Konzepten kostet nach einer Monte-Carlo-Analyse im Mittel 213 bis 581 US-Dollar je Megawattstunde – Wind lag 2021 bei 3,8, Photovoltaik bei 3,6 US-Cent je Kilowattstunde, Atomstrom bei 16,7 US-Cent (DIW 2023, Lazard).
Die Stromgestehungskosten der Kernenergie sind in den letzten Jahren um rund 47 Prozent gestiegen, während sie bei Solarenergie um etwa 80 und bei Windenergie um etwa 60 Prozent gesunken sind (Fraunhofer IMW 2024).
Alle Aufbewahrungsgenehmigungen der Zwischenlager sind auf 40 Jahre befristet – für Gorleben bis 31.12.2034, für Ahaus bis 31.12.2036 –, ein Endlager steht bis dahin nicht bereit (BASE 2024).
Zahlen & Fakten
Die Datenlage
- Ende der gewerblichen Kernenergienutzung
- 15.04.2023
- Anteil am Primärenergieverbrauch 2024 und 2025
- 0 %
- Kernkraftwerksblöcke in Stilllegung
- 33
- Anteil der Atomenergie an der weltweiten Stromerzeugung 2021
- 9,8 %
- erwartete Stromkosten je MWh aus SMR-Konzepten
- 213–581 $
- SMR-Reaktoren weltweit in Betrieb
- 6
- Anstieg der Stromgestehungskosten der Kernenergie
- +47 %
- Anfangsinvestition je Kilowatt Leistung bei einem Reaktorneubau
- rund 10.000 $
- Kostenentwicklung beim Neubau Flamanville (Frankreich)
- 3,3 → 19 Mrd. €
- Beschaffungszeit für neue Brennelemente
- 12–24 Monate
- nötige Deckungsvorsorge für anfallenden Atommüll
- 2,5 Mrd. €
- belegte Behälterstellplätze in den Standort-Zwischenlagern
- 870
- Endlager für hochradioaktive Abfälle weltweit in Betrieb
- 0
- Standortentscheidung für ein Endlager in Deutschland
- frühestens 2046
- geschätzte Kosten der Endlagerung von 27.000 m³ Abfällen
- 8,3–51 Mrd. €
Abschaltung von Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 (BASE 2024)
1990 waren es 11,2 Prozent (AGEB)
Stand 31.12.2024, zusammen 27.697 MW brutto (BASE 2024)
Höchststand 1996: 17,6 Prozent (DIW 2023)
Monte-Carlo-Simulation für wassergekühlte SMR (DIW 2023)
überwiegend Prototypen, keine Serienfertigung (DIW 2023)
im selben Zeitraum: Solar −80 Prozent, Wind −60 Prozent (Fraunhofer IMW 2024)
westliche Industrieländer, etwa 10 Mrd. US-Dollar für rund 1 Gigawatt (Fraunhofer IMW 2024)
Baubeginn 2007, geplante Fertigstellung 2012, tatsächlich 2024 (Fraunhofer IMW 2024)
reine Herstellungszeit, zusätzlich erschwert durch die Lage bei russischen Lieferungen (Fraunhofer IMW 2024)
eine der Hürden, wegen derer Betreiber Reaktivierung und Neubau ablehnen (Fraunhofer IMW 2024)
von 1.420 ausgewiesenen Stellplätzen, Ende 2024 (BASE 2024)
Stand des DIW-Berichts 2023; erstes Endlager in Finnland in Vorbereitung
ungünstigstes betrachtetes Szenario: 2068 (BGE-Rahmenterminplan, zitiert in BASE 2024)
8,3 Mrd. € abgezinst, rund 51 Mrd. € nicht abgezinst (Fraunhofer IMW 2024 nach World Nuclear Waste Report)
Entwicklung der Stromgestehungskosten im Vergleich
Atomkraft, Photovoltaik und Wind onshore, 2010 bis 2050 (ab 2035 Projektion)
USD/MWh
- Atomkraft
- Photovoltaik
- Wind onshore
Die Kosten der Kernenergie steigen, weil sie vor allem von Bau- und Sicherheitsanforderungen bestimmt werden. Erneuerbare Energien werden dagegen durch Serienfertigung günstiger. Werte ab 2035 sind Projektionen.
Quelle: Fraunhofer IMW, „Faktencheck Kernenergie“ (2024), Abbildung 1, eigene Darstellung nach Lazard Inc. und IEA
Beitrag der Kernenergie zum Primärenergieverbrauch
Deutschland, 1990 bis 2025
PJ
Der Rückgang 2011 folgt dem Erlöschen der Betriebsberechtigung für acht Kernkraftwerke, der Rückgang 2022/2023 dem Abschluss des Ausstiegs.
Quelle: AG Energiebilanzen (AGEB), Auswertungstabellen zur Energiebilanz Deutschland 1990–2025
Anteil der Kernenergie am Primärenergieverbrauch
Deutschland, ausgewählte Jahre
Prozent
Bezugsgröße ist der gesamte Primärenergieverbrauch, nicht die Stromerzeugung. Am Strom war der Anteil deutlich höher.
Quelle: AG Energiebilanzen (AGEB), Auswertungstabellen zur Energiebilanz Deutschland 1990–2025
Status der deutschen Kernkraftwerke
Stand 31. Dezember 2024
Anzahl Blöcke
„Vollständig abgebaut“ bedeutet: aus der atomrechtlichen Überwachung entlassen.
Quelle: BASE, „Statusbericht Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland 2024“, Tabelle 2.1
Stillgelegte Kernkraftwerksleistung nach Reaktortyp
Bruttoleistung der Anlagen in Stilllegung, Stand 31.12.2024
MW brutto
Zusammen 27.697 MW brutto. Diese Leistung steht dem Stromsystem nicht mehr zur Verfügung.
Quelle: BASE, „Statusbericht Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland 2024“, Tabelle 2.1
Kerntechnische Anlagen in Deutschland, die weiter betrieben werden
Berichtsjahr 2024
Anzahl
Der Ausstieg betrifft nur die gewerbliche Stromerzeugung, nicht die gesamte Kerntechnik.
Quelle: BASE, „Statusbericht Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland 2024“, Kapitel 1, 3 und 4
Belegung der Brennelemente-Zwischenlager an den Kraftwerksstandorten
Behälterstellplätze, Stand Ende 2024
Stellplätze
- Stellplätze gesamt
- Ende 2024 belegt
Zusammen 1.420 ausgewiesene Stellplätze, davon 870 belegt. Genehmigt sind für die bis 2000 beantragten Lager insgesamt 14.025 Mg Schwermetall auf 1.435 Stellplätzen.
Quelle: BASE, „Statusbericht Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland 2024“, Tabelle 5.1
Zeitachse der Endlagersuche für hochradioaktive Abfälle
Jahreszahlen aus dem Verfahren nach Standortauswahlgesetz
Jahr
Nach der Standortentscheidung folgen noch Errichtung und Inbetriebnahme des Endlagers.
Quelle: BASE, „Statusbericht Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland 2024“, Kapitel 5.4
Meldepflichtige Ereignisse in kerntechnischen Anlagen 2024
Erfasst durch die Störfallmeldestelle des BASE
Anzahl
Meldepflichtig sind Unfälle, Störfälle und sonstige für die kerntechnische Sicherheit bedeutsame Ereignisse – die meisten davon sind nach Definition keine Unfälle.
Quelle: BASE, „Statusbericht Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland 2024“, Kapitel 1.3
Genehmigtes Endlagervolumen für schwach- und mittelradioaktive Abfälle
Endlager Konrad, Salzgitter
Kubikmeter
Konrad soll nach Planung der BGE Ende 2029 fertiggestellt sein. Es nimmt keine hochradioaktiven Abfälle auf.
Quelle: BASE, „Statusbericht Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland 2024“, Kapitel 5.4
Anteil der Atomenergie an der weltweiten Stromerzeugung
im Vergleich mit Wasserkraft und übrigen erneuerbaren Energien
Prozent
- Atomenergie
- Wasserkraft
- Übrige Erneuerbare
Höchststand der Atomenergie war 1996 mit 17,6 Prozent; 2021 lag der Anteil erstmals seit Jahrzehnten unter zehn Prozent (9,8 Prozent).
Quelle: DIW Berlin, Wochenbericht 10/2023, Abbildung 1
Erwartete Stromgestehungskosten von SMR-Konzepten
Median der Monte-Carlo-Simulation, wassergekühlte Konzepte
US-Dollar je MWh
Zum Vergleich: Die Stromgestehungskosten erneuerbarer Energien liegen unter 100 US-Dollar je MWh. Der Durchschnitt über alle betrachteten Konzepte liegt bei 213 bis 581 US-Dollar je MWh.
Quelle: DIW Berlin, Wochenbericht 10/2023, Abbildung 4 (nach Steigerwald et al. 2022)
Durchschnittliche Leistung neu gebauter Kernkraftwerke
Fünf-Jahres-Durchschnitt der elektrischen Leistung
MW
Die Branche ist von kleinen Reaktoren zu immer größeren Anlagen übergegangen, um Größenvorteile zu nutzen. SMR-Konzepte kehren zu Leistungen bis 300 MW zurück.
Quelle: DIW Berlin, Wochenbericht 10/2023, Abbildung 2 (Daten: Mycle Schneider Consulting)
Was bedeuten diese Zahlen?
Die Zahlen zeigen zunächst eine klare Sachlage: Kernenergie liefert in Deutschland seit 2024 keinen Beitrag mehr zur Energieversorgung. Der Anteil am Primärenergieverbrauch, der 1990 noch bei 11,2 Prozent lag und um das Jahr 2000 mit rund 13 Prozent seinen Höhepunkt erreichte, fiel nach 2011 in zwei Stufen – zuerst durch das Erlöschen der Betriebsberechtigung für acht Anlagen, dann durch das Ende der letzten drei Blöcke am 15. April 2023.
Weniger bekannt ist, dass „Ausstieg“ nicht „Ende der Kerntechnik“ bedeutet. Sechs Forschungsreaktoren, die Urananreicherungsanlage Gronau und die Brennelementfabrik Lingen sind weiterhin in Betrieb. Und die 33 stillgelegten Kraftwerksblöcke sind nicht verschwunden: Sie werden über Jahre und Jahrzehnte zurückgebaut, mit dem Ziel, aus der atomrechtlichen Überwachung entlassen zu werden. Bisher ist das bei drei Blöcken gelungen.
Der größte offene Punkt ist die Entsorgung. Die abgebrannten Brennelemente lagern trocken in CASTOR-Behältern in zwölf Zwischenlagern an den früheren Kraftwerksstandorten sowie in vier weiteren Zwischenlagern. Diese Lager sind rechtlich Übergangslösungen: Jede Aufbewahrungsgenehmigung ist auf 40 Jahre befristet, ebenso die zulässige Lagerzeit jedes einzelnen Behälters. Der erste 1992 beladene Behälter erreicht diese Frist im Jahr 2032.
Ein Endlager, das diese Behälter aufnehmen könnte, existiert nicht. Die Suche läuft seit 2013 nach dem Standortauswahlgesetz und befindet sich weiterhin in Phase 1 von drei Phasen. Die zuständige Bundesgesellschaft für Endlagerung hat 2020 insgesamt 90 Teilgebiete mit günstigen geologischen Bedingungen benannt und rechnet in ihrem Rahmenterminplan damit, dass ein Standort frühestens 2046, ungünstigstenfalls erst 2068 feststeht. Danach müsste das Endlager noch gebaut werden.
Die Entsorgungsfrage ist historisch älter als der Ausstieg. Die erste bundesweite Endlagersuche begann 1963, ab 1968 konzentrierte sie sich auf das Salzbergwerk Asse II, das 1971 zum Endlager erklärt wurde – obwohl die Langzeitsicherheit ungeklärt war und schon 1963 eine „sorgfältige Untersuchung des geologischen Risikos“ gefordert worden war. Heute sollen die dort eingelagerten Abfälle wieder herausgeholt werden; die Rückholung wird voraussichtlich mehrere Jahrzehnte dauern. Das Endlager Morsleben nahm bis 1998 Abfälle auf und befindet sich seither im Stilllegungsverfahren (BASE 2022).
Auch international ist Kernkraft kein wachsender Sektor. Die weltweite Erzeugung liegt seit den späten 1990er Jahren nahezu unverändert bei rund 2.600 Terawattstunden im Jahr, während der Anteil an der Stromerzeugung von 17,6 Prozent (1996) auf 9,8 Prozent (2021) gefallen ist – weil andere Erzeugung schneller wächst. Bis 2040 gehen nach Schätzungen rund 200 Reaktoren vom Netz; dem stehen 53 laufende Neubauprojekte mit etwa 50 Gigawatt gegenüber, von denen 21 in China liegen und 26 verzögert sind, teils um mehr als zehn Jahre (DIW 2023).
Ökonomisch war Kernenergie nach der DIW-Analyse nie die günstige Option: 1957 kostete eine Kilowattstunde aus Kohle 0,87 US-Cent, aus Atomenergie 5,19 US-Cent; 2021 lagen Wind bei 3,8 und Photovoltaik bei 3,6 US-Cent, Atomstrom dagegen bei 16,7 US-Cent. Anders als in der Chip- oder Solarproduktion sind die spezifischen Baukosten über die Jahrzehnte nicht gesunken, sondern gestiegen. Damit ein Anteil von zehn Prozent Kernkraft in einem dekarbonisierten europäischen Stromsystem wirtschaftlich wäre, müssten die heutigen Baukosten um rund zwei Drittel sinken.
Das gilt auch für die als neu bezeichneten Konzepte. Kleine Reaktoren sind seit den 1950er Jahren bekannt; der erste SMR war ein U-Boot-Reaktor, der 1957 in Shippingport zivil eingesetzt wurde. Weltweit sind heute nur sechs SMR in Betrieb, überwiegend Prototypen. Die erwarteten Stromkosten liegen im Mittel bei 213 bis 581 US-Dollar je Megawattstunde, und der Größennachteil kleiner Anlagen ließe sich rechnerisch erst durch mehrere tausend baugleiche Reaktoren ausgleichen. Schnelle Brüter und andere Gen-IV-Linien wurden bereits in den 1950er bis 1970er Jahren erprobt und wegen technischer Probleme und fehlender Wirtschaftlichkeit weitgehend eingestellt – in Deutschland endete der Schnelle Brüter SNR 300 in Kalkar, ohne je Strom zu erzeugen.
Wie wenig planbar Neubaukosten sind, zeigen die europäischen Referenzprojekte: Der französische Reaktor Flamanville wurde 2007 begonnen, sollte 2012 fertig sein und ging erst 2024 ans Netz; die veranschlagten 3,3 Milliarden Euro stiegen auf rund 19 Milliarden Euro. Beim britischen Projekt Hinkley Point C zeigt sich dasselbe Muster. Begründet wird das mit Prüfvorgängen und Sicherheitsauflagen – also mit Anforderungen, die bei jedem Neubau anfallen würden. Entsprechend sind die Stromgestehungskosten der Kernenergie in den vergangenen Jahren um rund 47 Prozent gestiegen, während sie bei Photovoltaik um etwa 80 und bei Wind um etwa 60 Prozent gefallen sind (Fraunhofer IMW 2024).
Für die konkrete Frage, ob ein Wiedereinstieg in Deutschland wirtschaftlich sinnvoll wäre, ist der Fraunhofer-Faktencheck von 2024 die deutlichste vorliegende Quelle. Er kommt zu dem Ergebnis, dass ein zügiger Wiedereinstieg nicht möglich ist: Rechnerisch käme der Rückbaustand von etwa acht Blöcken einer Reaktivierung noch nicht entgegen; nötig wären Gesetzesänderungen und umfangreiche, kostspielige Sicherheitsprüfungen. Die eigentliche Hürde ist der Brennstoff – die Herstellung neuer Brennelemente dauert zwölf Monate bis zwei Jahre und ist durch die Lage bei russischen Lieferungen zusätzlich erschwert. Hinzu kommen fehlendes Fachpersonal und die fehlende Bereitschaft der bisherigen Betreiber, die Reaktivierung und Neubau überwiegend aus Kostengründen ablehnen; allein als Deckungsvorsorge für neu anfallenden Atommüll wären rund 2,5 Milliarden Euro aufzubringen.
Auch die Kosten am Ende der Kette sind nicht abgeschlossen. Für die Endlagerung von rund 27.000 Kubikmetern überwiegend abgebrannter Brennelemente werden abgezinst etwa 8,3 Milliarden Euro veranschlagt; nicht abgezinst könnten es rund 51 Milliarden Euro sein. Diese Beträge fallen unabhängig davon an, ob neue Anlagen gebaut werden – ein Wiedereinstieg würde die Menge zu entsorgender Abfälle jedoch vergrößern.
Zum häufig genannten Argument der Unabhängigkeit hält der Faktencheck fest: 2023 importierte Deutschland erstmals seit 2002 wieder mehr Strom (54,1 TWh) als es exportierte (42,4 TWh), rund 16 Prozent des importierten Stroms stammten aus Kernenergie. Gleichzeitig endeten mit dem Ausstieg andere Abhängigkeiten – die EU bezog 2020 rund 20,2 Prozent ihres Urans aus Russland und 19,1 Prozent aus Kasachstan.
Fasst man diese Belege zusammen, ergibt sich für Deutschland eine eindeutige Antwort: Ein Wiedereinstieg in die Kernenergie ist weder kurzfristig machbar noch wirtschaftlich tragfähig. Die Bestandsanlagen sind stillgelegt, teilweise zurückgebaut und ohne Betriebsgenehmigung; es fehlen Brennelemente (Vorlauf zwölf bis 24 Monate), Fachpersonal und Betreiber, die bereit wären, Reaktivierung oder Neubau zu übernehmen. Neubauten kosten in den europäischen Referenzprojekten das Drei- bis Sechsfache des Geplanten und brauchen 12 bis 17 Jahre – Strom käme also frühestens nach 2040, zu Kosten, die deutlich über denen von Wind und Photovoltaik liegen. Gleichzeitig ist die Entsorgung ungelöst: ein Endlagerstandort steht frühestens 2046 fest, die Kosten liegen bei 8,3 bis 51 Milliarden Euro, und jeder neue Reaktor würde diese Menge vergrößern.
Offen bleibt damit nicht das Ob der Wirtschaftlichkeit, sondern nur die politische Bewertung: Amtliche Szenarien, die Kernenergie im deutschen Strommix 2035 oder 2045 quantifizieren, gibt es nicht – weil kein vorliegendes Kosten- oder Zeitmodell einen solchen Beitrag plausibel macht. Diese Seite trifft daher keine parteipolitische Empfehlung, sie fasst zusammen, was die Datenlage hergibt: Nach heutigem Stand spricht kein belastbarer ökonomischer oder energiewirtschaftlicher Befund für einen Wiedereinstieg.
Was wir sicher wissen
- Die gewerbliche Stromerzeugung aus Kernenergie in Deutschland ist seit dem 15. April 2023 beendet; alle abgeschalteten Anlagen haben atomrechtliche Stilllegungsgenehmigungen.
- Zum 31.12.2024 befanden sich 33 Kernkraftwerksblöcke mit 27.697 MW Bruttoleistung in Stilllegung, drei Blöcke waren vollständig abgebaut.
- Sechs Forschungsreaktoren, die Urananreicherungsanlage Gronau und die Brennelementfabrik Lingen waren 2024 weiterhin in Betrieb.
- Die Zwischenlagergenehmigungen sind auf 40 Jahre befristet; für Gorleben bis 31.12.2034, für Ahaus bis 31.12.2036.
- Das Endlager Konrad für schwach- und mittelradioaktive Abfälle ist für 303.000 Kubikmeter genehmigt und soll nach Planung der BGE Ende 2029 fertiggestellt sein.
- Ein Standort für hochradioaktive Abfälle wird nach dem Rahmenterminplan der BGE nicht vor 2046 feststehen.
- Der Anteil der Atomenergie an der weltweiten Stromerzeugung ist seit 1996 rückläufig und lag 2021 bei 9,8 Prozent; die absolute Erzeugung stagniert seit den späten 1990er Jahren bei rund 2.600 TWh.
- Strom aus Kernkraft ist in allen vorliegenden Kostenvergleichen teurer als Strom aus Wind und Photovoltaik; die spezifischen Baukosten neuer Reaktoren sind über Jahrzehnte gestiegen statt gesunken.
- Weltweit ist bislang kein Endlager für hochradioaktive Abfälle in Betrieb.
- Ein zügiger Wiedereinstieg ist ausgeschlossen: Vor einer Reaktivierung stünden Gesetzesänderungen, umfangreiche Sicherheitsprüfungen und die Beschaffung neuer Brennelemente, deren Herstellung allein zwölf Monate bis zwei Jahre dauert (Fraunhofer IMW 2024).
- Die bisherigen Betreiber lehnen Reaktivierung und Neubau überwiegend aus Kostengründen ab; erforderlich wären unter anderem rund 2,5 Milliarden Euro Deckungsvorsorge für neu anfallenden Atommüll (Fraunhofer IMW 2024).
- Neubaukosten sind in der Praxis schlecht kalkulierbar: Beim Reaktor Flamanville stiegen die geplanten 3,3 Milliarden Euro auf rund 19 Milliarden Euro, die Bauzeit verlängerte sich um zwölf Jahre (Fraunhofer IMW 2024).
Was wir nicht sicher wissen
- Ob und unter welchen Bedingungen Kernenergie in Deutschland künftig wieder zur Stromerzeugung eingesetzt werden könnte – dazu enthalten die ausgewerteten Quellen keine amtlichen Szenarien.
- Wie sich Kosten neuer Reaktoren entwickeln, wenn erstmals Serienfertigung gelänge, ist offen; die vorliegenden Kostenschätzungen für SMR streuen sehr breit (Minimum bis Maximum: rund 100 bis 2.000 US-Dollar je MWh).
- Die Gesamtkosten des Rückbaus und der Entsorgung in Deutschland werden im Statusbericht nicht beziffert; das DIW bezeichnet die ökonomischen Fragen des Rückbaus als ungeklärt.
- Wie hoch die Kosten einer Endlagerung tatsächlich ausfallen, ist offen: Die Schätzungen für 27.000 Kubikmeter Abfall reichen von 8,3 Milliarden Euro (abgezinst) bis rund 51 Milliarden Euro (nicht abgezinst).
- Wie teuer eine Reaktivierung einzelner Blöcke im Einzelfall wäre, ist nicht beziffert – die Quellen sprechen nur von „beachtlichen kurzfristigen Investitionen“.
- Der tatsächliche Abschluss des Standortauswahlverfahrens ist offen: Die Spanne der eigenen Planung der BGE reicht von 2046 bis 2068.
- Wie mit Behältern umgegangen wird, deren 40-Jahres-Frist vor Inbetriebnahme eines Endlagers abläuft, ist in den Quellen nicht abschließend geklärt.
- Wie lange die Rückholung der Abfälle aus der Schachtanlage Asse II dauert, ist nicht terminiert – die Quellen nennen nur „mehrere Jahrzehnte“.
Warum diese Antwort nicht ganz einfach ist
Die Frage nach der Zukunft der Kernenergie wird oft als reine Ja-oder-Nein-Entscheidung diskutiert. Tatsächlich hängen an ihr mehrere sehr unterschiedliche Sachverhalte, die jeweils eigenen Regeln und Zeiträumen folgen.
- 01
Ein Wiedereinstieg ist mehr als ein Beschluss
Selbst wenn die technische Inbetriebnahme einzelner Blöcke gelänge, müssten zuerst Gesetze geändert, aufwendige Sicherheitsprüfungen bestanden, Brennelemente über zwölf bis 24 Monate beschafft und Fachpersonal aufgebaut werden – und die Betreiber müssten mitmachen, was sie aus Kostengründen bislang ablehnen (Fraunhofer IMW 2024).
- 02
Rechtslage und Technik sind zwei verschiedene Dinge
Der Ausstieg ist im Atomgesetz festgeschrieben. Unabhängig davon haben die Betreiber Stilllegungsgenehmigungen in Anspruch genommen und mit dem Rückbau begonnen – dabei werden Anlagenteile dauerhaft entfernt. Eine rechtliche Änderung allein würde die Anlagen nicht wieder betriebsfähig machen.
- 03
Sehr lange Zeiträume
Rückbau, Zwischenlagerung und Endlagersuche erstrecken sich über Jahrzehnte. Zwischen der Standortentscheidung – frühestens 2046 – und einem betriebsbereiten Endlager liegen weitere Bau- und Genehmigungsschritte. Kurzfristige Entscheidungen wirken hier erst sehr spät.
- 04
Zuständigkeiten sind verteilt
Das BMUV trägt die politische Gesamtverantwortung, die BGE ist Vorhabenträgerin aller Endlagerprojekte, die BGZ betreibt die Zwischenlager, das BASE übt die Aufsicht aus und führt die Öffentlichkeitsbeteiligung durch. Aussagen einzelner Stellen betreffen jeweils nur ihren Teil des Systems.
- 05
Der Ausstieg betrifft nur die Stromerzeugung
Uran wird in Gronau weiterhin angereichert, in Lingen werden weiterhin Brennelemente gefertigt, und Forschungsreaktoren laufen. Wer „Deutschland ist raus aus der Kerntechnik“ sagt, verkürzt damit.
- 06
Bauzeit und Wirkungszeitpunkt
Neue Reaktoren entstehen nicht kurzfristig: Von Planung bis Netzanschluss vergehen typischerweise mehr als zehn Jahre, bei 26 der 53 weltweit laufenden Neubauprojekte kommen zusätzliche Verzögerungen hinzu, teils über zehn Jahre. Für Klimaziele, die auf 2030 oder 2035 zielen, käme ein Neubau daher zu spät (DIW 2023).
- 07
Kostenvergleiche brauchen dieselbe Bezugsgröße
Aussagen zu „billigem Atomstrom“ beziehen sich meist auf abgeschriebene Altanlagen. Für Neubauten zählen Stromgestehungskosten inklusive Bau, Finanzierung, Rückbau und Entsorgung – und in diesem Vergleich liegt Kernkraft über allen erneuerbaren Optionen.
- 08
„Neuartige“ Reaktoren sind oft alte Konzepte
SMR, Hochtemperatur-, Flüssigsalz- und Brutreaktoren gehen auf Entwicklungen der 1940er bis 1960er Jahre zurück. Sie wurden erprobt und setzten sich nicht durch. Neu ist vor allem die Vermarktung, nicht die Technologie (DIW 2023).
- 09
Datenlage zu Zukunftsfragen
Für den Bestand gibt es einen jährlichen amtlichen Statusbericht, für Kosten und Technik eine wissenschaftliche Literatur. Amtliche Szenarien für einen deutschen Wiedereinstieg existieren nicht – das ist selbst ein Befund und kein Versehen dieser Seite.
Häufige Missverständnisse
„Ein Wiedereinstieg wäre wirtschaftlich sinnvoll, man müsste ihn nur politisch wollen.“
Die vorliegenden Analysen zeigen das Gegenteil: Die Stromgestehungskosten der Kernenergie sind zuletzt um rund 47 Prozent gestiegen, während sie bei Photovoltaik um etwa 80 und bei Wind um etwa 60 Prozent gefallen sind. Ein Reaktorneubau in westlichen Industrieländern kostet rund 10 Milliarden US-Dollar je Gigawatt. Für eine Reaktivierung wären neben Gesetzesänderungen und Sicherheitsprüfungen neue Brennelemente (zwölf bis 24 Monate Herstellungszeit), Fachpersonal und rund 2,5 Milliarden Euro Deckungsvorsorge nötig – die Betreiber lehnen beides überwiegend aus Kostengründen ab (Fraunhofer IMW 2024).
„Die Baukosten von Kernkraftwerken lassen sich gut kalkulieren.“
Beim französischen Neubau Flamanville stiegen die geplanten 3,3 Milliarden Euro auf rund 19 Milliarden Euro, die Fertigstellung verschob sich von 2012 auf 2024. Beim britischen Hinkley Point C zeigt sich dasselbe Muster (Fraunhofer IMW 2024).
„Durch den Atomausstieg macht sich Deutschland dauerhaft vom Ausland abhängig.“
2023 importierte Deutschland zwar erstmals seit 2002 wieder mehr Strom (54,1 TWh) als es exportierte (42,4 TWh), davon stammten rund 16 Prozent aus Kernenergie. Gleichzeitig entfielen mit dem Ausstieg Abhängigkeiten bei der Brennstoffversorgung: Die EU bezog 2020 rund 20,2 Prozent ihres Urans aus Russland und 19,1 Prozent aus Kasachstan (Fraunhofer IMW 2024).
„Die abgeschalteten Kernkraftwerke könnten kurzfristig wieder ans Netz gehen.“
Für alle abgeschalteten Anlagen wurden atomrechtliche Stilllegungsgenehmigungen erteilt und in Anspruch genommen; mit deren Inanspruchnahme endet der Leistungsbetrieb und die Anlagen befinden sich in der Stilllegungs- oder Restbetriebsphase. Die Brennelemente wurden aus den Reaktorkernen entfernt und in Zwischenlager verbracht.
„Mit dem Ausstieg 2023 ist die Kernenergie in Deutschland vollständig beendet.“
Beendet ist die gewerbliche Stromerzeugung. 2024 waren weiterhin sechs Forschungsreaktoren, die Urananreicherungsanlage Gronau und die Brennelementfabrik Lingen in Betrieb.
„Der Atomausstieg war eine kurzfristige Entscheidung von 2022/2023.“
Der Bundestagsbeschluss vom 30. Juni 2011 mit parteiübergreifender Mehrheit fixierte den Ausstieg; die 13. Novelle des Atomgesetzes vom 31.07.2011 setzte ihn gesetzlich um. 2022 wurde lediglich ein befristeter Streckbetrieb bis zum 15. April 2023 beschlossen.
„Deutschland hat ein Endlager, es wird nur nicht genutzt.“
Für hochradioaktive Abfälle gibt es keinen Standort; die Suche ist in Phase 1 von drei Phasen. Das genehmigte Endlager Konrad ist ausschließlich für schwach- und mittelradioaktive Abfälle vorgesehen und befindet sich noch in der Errichtung.
„Gorleben ist weiterhin der vorgesehene Endlagerstandort.“
Der Salzstock Gorleben ist mit dem Zwischenbericht Teilgebiete vom 28.09.2020 aus geologischen Gründen aus der Endlagersuche ausgeschieden.
„Die Zwischenlager sind eine dauerhafte Lösung.“
Alle Aufbewahrungsgenehmigungen sind auf 40 Jahre befristet, ebenso die zulässige Aufbewahrungszeit je Behälter ab Beladung. Der erste 1992 beladene Behälter erreicht diese Frist 2032.
„In deutschen kerntechnischen Anlagen passiert nichts mehr, seit die Kraftwerke abgeschaltet sind.“
2024 wurden 29 meldepflichtige Ereignisse in Kernkraftwerken, 17 in Ver- und Entsorgungsanlagen und 32 in Entsorgungseinrichtungen erfasst. Meldepflichtig sind auch Ereignisse ohne Gefährdung; bei den Forschungsreaktoren gab es kein meldepflichtiges Ereignis.
„Die Endlagersuche wird in wenigen Jahren abgeschlossen sein.“
Nach dem Rahmenterminplan der BGE von Oktober 2022 wird das Verfahren nicht vor 2046 und im ungünstigsten betrachteten Szenario erst 2068 abgeschlossen sein.
„Weltweit erlebt die Atomkraft eine Renaissance.“
Die weltweite Erzeugung stagniert seit den späten 1990er Jahren bei rund 2.600 TWh, der Anteil an der Stromerzeugung ist von 17,6 Prozent (1996) auf 9,8 Prozent (2021) gefallen. Bis 2040 gehen rund 200 Reaktoren vom Netz, dem stehen 53 Neubauprojekte gegenüber – 21 davon in China (DIW 2023).
„Kleine modulare Reaktoren (SMR) sind eine neue, günstige Technologie.“
Reaktoren kleiner Leistung gibt es seit den 1950er Jahren; weltweit sind sechs SMR in Betrieb, überwiegend Prototypen. Die erwarteten Stromkosten liegen im Median deutlich über denen erneuerbarer Energien. Kostenvorteile durch Massenfertigung wären rechnerisch erst bei mehreren tausend baugleichen Anlagen möglich (DIW 2023).
„Atomstrom ist billig.“
Kernenergie war seit Beginn der Nutzung die teuerste der jeweils verfügbaren Erzeugungsformen: 1957 kostete Kohlestrom 0,87 und Atomstrom 5,19 US-Cent je kWh; 2021 lag Wind bei 3,8, Photovoltaik bei 3,6 und Atomstrom bei 16,7 US-Cent je kWh (DIW 2023 nach Lazard).
„Die Entsorgungsfrage ist erst durch den Ausstieg entstanden.“
Die erste bundesweite Endlagersuche begann 1963. Die Asse II wurde 1971 zum Endlager erklärt, obwohl geologische Risiken bekannt waren; ihre Abfälle sollen heute wieder zurückgeholt werden. Weltweit ist bis heute kein Endlager für hochradioaktive Abfälle in Betrieb (BASE 2022, DIW 2023).
Auf einen Blick
Die Stromerzeugung aus Kernenergie ist in Deutschland seit dem 15. April 2023 beendet, der Beitrag zum Energieverbrauch liegt seit 2024 bei null. Was bleibt, sind Rückbau, Zwischenlagerung und eine Endlagersuche, die frühestens 2046 zu einer Standortentscheidung führt. International ist Kernkraft rückläufig und in allen vorliegenden Kostenvergleichen teurer als erneuerbare Energien. Die Datenlage lässt für Deutschland einen eindeutigen Schluss zu: Ein Wiedereinstieg ist kurzfristig ausgeschlossen und langfristig unwirtschaftlich – es fehlen Genehmigungen, Brennelemente, Fachpersonal und Betreiber, Neubauten dauern 12 bis 17 Jahre und überschreiten ihre Budgets um ein Vielfaches, und die Entsorgungskosten von 8,3 bis 51 Milliarden Euro würden weiter steigen. Kein vorliegendes Kosten- oder Zeitmodell stützt eine relevante Rolle der Kernenergie im deutschen Strommix 2035 oder 2045.
- Evidenzgrad
- Gut belegt
Bestand, Status und Entsorgung sind durch den jährlichen amtlichen Statusbericht des BASE und die Energiebilanzen der AG Energiebilanzen sehr gut belegt. Kosten, Bauzeiten, Marktanteile und der Stand neuer Reaktorkonzepte sind durch den DIW-Wochenbericht 10/2023 belegt, die Voraussetzungen und Kosten eines möglichen Wiedereinstiegs durch den Fraunhofer-IMW-Faktencheck 2024. Nicht belegbar bleibt allein, wie sich ein politisch beschlossener Wiedereinstieg im Einzelnen auswirken würde – dafür existieren keine amtlichen Szenarien.
- Datenstand
- 1956 bis 2025, Anlagenstatus Stand 31. Dezember 2024, Kosten- und Technikanalysen Stand 2023 und 2024
- Letzte Aktualisierung
- 29. Juli 2026
Quellen
- 1
Faktencheck Kernenergie – Zukunft gestalten
Fraunhofer IMW (C. Klöppelt, P. Wagner, E. Drechsler) · 2024
Im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Stromgestehungskosten im Zeitverlauf (Abbildung 1), Kostenentwicklung Flamanville und Hinkley Point C, Anfangsinvestition je Kilowatt, Stromimporte und Uranbezug, Endlagerkosten, Voraussetzungen und Hürden einer Reaktivierung.
Quelle öffnen - 2
Statusbericht Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland 2024 – Nutzung und Entsorgung
Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) · 2025
Ausstieg und Atomgesetzgebung (Kapitel 1), meldepflichtige Ereignisse 2024 (Kapitel 1.3), Status der Kernkraftwerke und Tabelle 2.1 (Kapitel 2), Forschungsreaktoren (Kapitel 3), Anlagen der nuklearen Versorgung (Kapitel 4), Zwischenlagerung und Tabelle 5.1 (Kapitel 5.1 und 5.2), Endlagerung, Standortauswahlverfahren und Endlager Konrad (Kapitel 5.4).
Quelle öffnen - 3
Atomausstieg in Deutschland – Viele Aufgaben in der nuklearen Sicherheit bleiben
Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) · 2022
Geschichte der Atomenergie und der Entsorgung in Deutschland, Endlagersuche ab 1963, Schachtanlage Asse II, Endlager Morsleben, Schacht Konrad und Zwischenlagerung.
Quelle öffnen - 4
Ausbau von Kernkraftwerken entbehrt technischer und ökonomischer Grundlagen, DIW Wochenbericht 10/2023
DIW Berlin (A. Wimmers, F. Böse, C. Kemfert, B. Steigerwald, C. von Hirschhausen, J. Weibezahn) · 2023
Weltweite Erzeugung und Anteile (Abbildung 1), durchschnittliche Reaktorleistung (Abbildung 2), Zeitspannen historischer SMR-Konzepte (Abbildung 3), Stromgestehungskosten von SMR-Konzepten (Abbildung 4), Modellrechnung zu Größennachteilen, historische Kostenvergleiche.
Quelle öffnen - 5
Auswertungstabellen zur Energiebilanz Deutschland 1990–2025
AG Energiebilanzen (AGEB) · 2026
Primärenergieverbrauch nach Energieträgern in PJ und Anteile in Prozent, Zeitreihe Kernenergie 1990 bis 2025.
Quelle öffnen - 6
Stromerzeugung in Deutschland im Jahr 2025
Fraunhofer ISE (B. Burger, L. Gandhi) · 2026
Zeitreihen der Bruttostromerzeugung aus Kernenergie sowie Vergleich mit Solar- und Windenergie seit 2002.
Quelle öffnen - 7
Germany 2025 – Energy Policy Review
Internationale Energieagentur (IEA) · 2025
Einordnung des abgeschlossenen Kernenergieausstiegs in die deutsche Energiepolitik.
Quelle öffnen
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Öl, Gas und Kohle im deutschen Energiesystem – Bestand und Szenarien bis 2045.
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