Kann Deutschland bis 2045 klimaneutral werden?
- Autor:
- politfacts
- Veröffentlicht:
- 29. Juli 2026
- Letzte Aktualisierung:
- 29. Juli 2026
- Lesedauer:
- ca. 18 Minuten
Worum geht es hier?
Deutschland hat sich im Klimaschutzgesetz verpflichtet, bis 2045 netto treibhausgasneutral zu werden. Diese Seite trennt vier Fragen, die oft vermischt werden: Was ist das gesetzliche Ziel? Wo steht Deutschland heute messbar? Was zeigen wissenschaftliche Modellrechnungen über technisch mögliche Wege? Und was folgt daraus für die tatsächliche Umsetzung? Alle Zahlen stammen aus amtlichen Emissionsdaten und aus veröffentlichten Szenarienstudien – Szenarien sind Rechenwege unter Annahmen, keine Prognosen.
- Was Klimaneutralität, Netto-Null und Restemissionen konkret bedeuten
- Wie sich die Treibhausgasemissionen seit 1990 entwickelt haben und wo sie 2025 lagen
- Welche Sektoren wie viel beitragen – und welche ihre Ziele verfehlen
- Welche Bausteine die wissenschaftlichen Szenarien für 2045 beschreiben
- Wie stark der Strombedarf in den Szenarien steigt und welche Rolle Wasserstoff spielt
- Warum sich die Szenarien voneinander unterscheiden
- Welche Voraussetzungen, Unsicherheiten und Zielkonflikte dokumentiert sind
Kurz erklärt
Wissenschaftliche Modellierungen zeigen, dass ein treibhausgasneutrales Energiesystem für Deutschland bis 2045 technisch grundsätzlich darstellbar ist – die Langfristszenarien des BMWK, die Fraunhofer-ISE-Studie und die dena-Leitstudie rechnen jeweils vollständige Pfade durch.
Ob das Ziel tatsächlich erreicht wird, ist damit nicht beantwortet: Es hängt von der Geschwindigkeit des Umbaus, von Investitionen, Infrastruktur, industriellen Kapazitäten und politischen Rahmenbedingungen ab.
Gemessen ist bisher: 2025 lagen die Emissionen bei rund 648,9 Mio. t CO₂-Äquivalenten, das sind rund 48 Prozent weniger als 1990 (1.251 Mio. t) – 2025 sanken sie allerdings nur noch um 0,1 Prozent.
Die amtlichen Projektionsdaten 2026 zeigen mit den bislang beschlossenen Maßnahmen bis 2045 eine Minderung um rund 83 Prozent; es verblieben 212,5 Mio. t Brutto-Emissionen – deutlich mehr, als natürliche und technische Senken nach heutigem Stand ausgleichen könnten.
Die Seite bewertet damit weder, dass Klimaneutralität 2045 sicher erreicht wird, noch dass sie unmöglich ist: Technische Machbarkeit und tatsächliche Umsetzung sind zwei verschiedene Fragen.
Das Wichtigste auf einen Blick
Das Ziel ist gesetzlich festgelegt: netto-treibhausgasneutral bis 2045, mit Zwischenzielen von 65 Prozent Minderung bis 2030 und 88 Prozent bis 2040 gegenüber 1990 (UBA 2026).
Die Emissionen sind von 1.251 Mio. t CO₂-Äq. (1990) auf 648,9 Mio. t (2025) gesunken – rund die Hälfte des Weges. 2025 betrug der Rückgang nur noch 0,9 Mio. t bzw. 0,1 Prozent (UBA 2026).
Die Nachfragesektoren verfehlen ihre Vorgaben: Verkehr überschritt die Jahresemissionsmenge 2025 deutlich, der Gebäudesektor stieg um 3,4 Prozent auf 103,4 Mio. t (UBA 2026).
Der Strombedarf steigt in allen Szenarien: Die Langfristszenarien kommen 2045 auf 751 bis 919 TWh Endenergienachfrage Strom, die Fraunhofer-ISE-Studie auf 1.100 bis 1.550 TWh Gesamtstromnutzung inklusive Elektrolyse.
Wasserstoff wird in allen Pfaden gebraucht, aber unterschiedlich stark: 370 TWh (ISE, „Technologieoffen“), 461 TWh (dena KN100) bis 606 TWh (Langfristszenario O45-H2, davon 418 TWh Import).
Klimaneutral heißt nicht emissionsfrei: In der dena-Modellierung verbleiben 2045 rund 41 Mio. t CO₂-Äq., die durch natürliche und technische Senken ausgeglichen werden – rechnerisch netto null.
Die Fraunhofer-ISE-Studie beziffert die Differenzkosten der Transformation im Szenario „Technologieoffen“ auf im Mittel rund 54 Mrd. Euro pro Jahr über 25 Jahre – etwa 1,2 Prozent des heutigen Bruttoinlandsprodukts.
Zahlen & Fakten
Die Datenlage
- Treibhausgasemissionen 1990
- 1.251 Mio. t
- Treibhausgasemissionen 2025
- 648,9 Mio. t
- Minderung gegenüber 1990
- rund −48 %
- gesetzliches Zieljahr der Netto-Treibhausgasneutralität
- 2045
- Emissionsrückgang im Jahr 2025
- −0,1 %
- Endenergienachfrage Strom 2045 in den Langfristszenarien
- 751–919 TWh
- Gesamtstromnutzung 2045 in der Fraunhofer-ISE-Studie
- 1.100–1.550 TWh
- installierte Leistung Photovoltaik und Wind 2045
- rund 630 GW
- modellierter Wasserstoffbedarf 2045
- 370–606 TWh
- Restemissionen 2045 im dena-Szenario KN100
- 41 Mio. t
- technische Negativemissionen im dena-Hauptszenario
- 29 Mio. t
- Brutto-Restemissionen 2045 mit heutigen Maßnahmen
- 212,5 Mio. t
Basisjahr aller gesetzlichen Ziele (Agora Energiewende 2026 nach UBA)
CO₂-Äquivalente, ohne LULUCF; vorläufige Emissionsdaten, Stand März 2026 (UBA 2026)
Agora weist auf Basis eigener Schätzung (640 Mio. t) −49 Prozent aus (Agora 2026)
Zwischenziele: −65 % bis 2030, −88 % bis 2040 (UBA 2026)
0,9 Mio. t weniger als 2024; 2024 lag der Rückgang noch bei 3 Prozent (UBA 2026, Agora 2026)
O45-H2 bzw. O45-Strom; dena KN100: 724 TWh (Fraunhofer ISI 2025, dena)
andere Bilanzgrenze: inklusive Elektrolyse und Netzverlusten (Fraunhofer ISE 2024/2025)
Langfristszenarien O45; heute: 213 GW Erneuerbare insgesamt (Fraunhofer ISI 2025, Agora 2026)
Spannbreite über ISE „Technologieoffen“, dena KN100 und Langfristszenario O45-H2
entspricht −97 % gegenüber 1990; Ausgleich über natürliche und technische Senken (dena)
davon 17 Mio. t über BECCU/S; geologische CO₂-Speicherung 24 Mio. t pro Jahr (dena)
Projektionsdaten 2026, entspricht −83 % gegenüber 1990 (UBA 2026)
Treibhausgasemissionen in Deutschland
1990 sowie 2019 bis 2025, ohne LULUCF. Der Wert für 2025 ist vorläufig.
Mio. t CO₂-Äquivalente
Agora schätzte für 2025 zunächst 640 Mio. t. Die Emissionsdaten des Umweltbundesamts vom März 2026 weisen 648,9 Mio. t aus. Beide Werte sind vorläufig.
Quelle: Agora Energiewende, „Die Energiewende in Deutschland: Stand der Dinge 2025“ (2026) nach UBA; Wert 2025: UBA, Emissionsdaten 2025 (Stand März 2026)
Gesetzlicher Zielpfad bis 2045
Zulässige bzw. angestrebte Emissionsmengen nach Klimaschutzgesetz im Vergleich zum heutigen Stand.
Mio. t CO₂-Äquivalente
2030 entspricht der nach § 4 Abs. 2 KSG angepassten Emissionshöchstmenge von 457 Mio. t (−65 % ggü. 1990), 2040 dem Ziel von −88 %. 2045 bedeutet Netto-Null, nicht null Emissionen.
Quelle: Klimaschutzgesetz, wiedergegeben in Agora Energiewende (2026) und UBA, Emissionsdaten 2025 & Projektionsdaten 2026
Treibhausgasemissionen nach Sektoren 2025
Vorläufige Emissionsdaten des Umweltbundesamts, Stand März 2026.
Mio. t CO₂-Äquivalente
Der LULUCF-Sektor (Landnutzung) geht nicht in diese Gesamtsumme ein. Er war 2025 mit netto 26,9 Mio. t CO₂-Äq. weiterhin eine Quelle, der Wald allein wirkte mit −19,3 Mio. t wieder als Senke.
Quelle: Umweltbundesamt, Emissionsdaten 2025 & Projektionsdaten 2026 (März 2026)
Sektoren im Vergleich: 1990 und 2025
Wie stark die einzelnen Sektoren ihre Emissionen bisher gemindert haben.
Mio. t CO₂-Äquivalente
- 1990
- 2025
Minderung seit 1990: Energiewirtschaft −62 %, Gebäude −51 %, Industrie −49 %, Landwirtschaft −28 %, Verkehr −11 % (Agora 2026).
Quelle: Agora Energiewende (2026) nach UBA für 1990; UBA, Emissionsdaten 2025 (März 2026) für 2025
Was die heutigen Maßnahmen bis 2045 leisten
Projektionsdaten 2026 (klimapolitische Beschlüsse mit Stand November 2025) im Vergleich zu den gesetzlichen Zielen.
Minderung gegenüber 1990 in Prozent
- Projektion mit heutigen Maßnahmen
- gesetzliches Ziel
Modellrechnung, keine Prognose. 2045 verblieben in dieser Rechnung 212,5 Mio. t Brutto-Emissionen ohne LULUCF und ohne technische Senken. Für 2040 und 2045 sind laut UBA zusätzliche Maßnahmen nötig.
Quelle: Umweltbundesamt, Projektionsdaten 2026 (März 2026)
Endenergienachfrage Strom im Jahr 2045
Nur Szenarien mit vergleichbarer Bilanzgrenze: Strommenge, die von den Verbrauchssektoren nachgefragt wird.
TWh pro Jahr
Zum Vergleich: 2018 lag der Endenergieverbrauch Strom in der dena-Modellierung bei 513 TWh.
Quelle: Fraunhofer ISI u. a., Langfristszenarien 3, Orientierungsszenarien O45, Bericht Energieangebot (2025); dena-Leitstudie „Aufbruch Klimaneutralität“, Szenario KN100
Gesamte Stromnutzung 2045 – weitere Bilanzgrenze
Diese Werte enthalten zusätzlich Elektrolyse, Umwandlung und Netzverluste und sind deshalb nicht mit dem vorherigen Diagramm vergleichbar.
TWh pro Jahr
Die ISE-Werte geben die Spannbreite über vier Szenarien an, die O45-Werte die gesamte inländische Stromproduktion.
Quelle: Fraunhofer ISE, „Wege zu einem klimaneutralen Energiesystem“ (2024/2025); Fraunhofer ISI u. a., Langfristszenarien 3, O45 Energieangebot (2025)
Installierte Leistung: heute und in den Szenarien 2045
Photovoltaik und Windenergie sind in allen betrachteten Pfaden die tragenden Technologien.
Gigawatt
2025 betrug die installierte Leistung aller Erneuerbaren zusammen 213 GW. Der Zubau lag bei 17,5 GW Photovoltaik und 4,5 GW Wind an Land; Wind auf See verzeichnete keinen Zuwachs.
Quelle: Agora Energiewende (2026) nach BNetzA/UBA für 2025; Fraunhofer ISE (2024/2025); Fraunhofer ISI u. a., Langfristszenarien 3, O45 (2025)
Modellierter Wasserstoffbedarf 2045
Die Szenarien setzen Wasserstoff unterschiedlich stark ein – abhängig davon, wie weit direkt elektrifiziert wird.
TWh pro Jahr
- Gesamtbedarf
- davon Import
dena KN100 setzt sich zusammen aus 226 TWh Endenergie, 130 TWh Rückverstromung und 105 TWh stofflicher Nutzung in der Industrie; für dieses Szenario ist in der Quelle keine getrennte Importmenge ausgewiesen, sie wird hier deshalb mit 0 dargestellt.
Quelle: Fraunhofer ISE (2024/2025); dena-Leitstudie „Aufbruch Klimaneutralität“, Szenario KN100; Fraunhofer ISI u. a., Langfristszenarien 3, O45 Energieangebot (2025)
Stromerzeugung 2045 nach Technologien
Orientierungsszenarien O45 der Langfristszenarien für Deutschland.
TWh pro Jahr
Die Quelle nennt für Photovoltaik und Wind an Land jeweils eine Spanne von rund 379 bis 416 TWh; hier ist der Mittelwert dargestellt. Zusammen decken Photovoltaik und Wind 82 Prozent (O45-Strom) bzw. 87 Prozent (O45-H2) der Erzeugung.
Quelle: Fraunhofer ISI u. a., Langfristszenarien 3, Orientierungsszenarien O45, Bericht Energieangebot (2025)
Endenergieverbrauch im dena-Szenario KN100
Der Gesamtverbrauch sinkt, gleichzeitig verschiebt sich der Mix von Öl und Gas zu Strom und Wasserstoff.
TWh pro Jahr
- Endenergie gesamt
- davon Strom
- davon flüssige Energieträger
Der Primärenergieverbrauch sinkt im selben Szenario von 3.647 TWh (2018) auf 1.797 TWh (2045); Kohle geht auf null zurück.
Quelle: dena-Leitstudie „Aufbruch Klimaneutralität“, Szenario KN100, Kernindikatoren
Restemissionen und Senken im Zieljahr
Zwei unterschiedliche Rechnungen: das dena-Zielszenario und die amtliche Projektion mit heutigen Maßnahmen.
Mio. t CO₂-Äquivalente im Jahr 2045
Die dena-Werte beschreiben einen Zielpfad, der Netto-Null erreicht. Der UBA-Wert beschreibt, was mit den bislang beschlossenen Maßnahmen verbliebe – ohne LULUCF und ohne technische Senken.
Quelle: dena-Leitstudie „Aufbruch Klimaneutralität“, Szenario KN100; UBA, Projektionsdaten 2026 (März 2026)
Was bedeuten diese Zahlen?
Die Zahlen beschreiben drei verschiedene Dinge, die man auseinanderhalten muss. Erstens gemessene Emissionen: 1990 stieß Deutschland 1.251 Mio. t CO₂-Äquivalente aus, 2025 waren es nach den vorläufigen Daten des Umweltbundesamts 648,9 Mio. t. Das ist knapp die Hälfte. Zweitens gesetzliche Ziele: minus 65 Prozent bis 2030, minus 88 Prozent bis 2040, Netto-Treibhausgasneutralität 2045. Drittens Modellrechnungen: Sie zeigen, wie ein Energiesystem aussehen könnte, das dieses Ziel erfüllt.
Der gemessene Trend hat sich zuletzt abgeflacht. 2024 sanken die Emissionen noch um 3 Prozent, 2025 nur noch um 0,1 Prozent. Die Minderungen in der Industrie (−5,7 Mio. t) wurden fast vollständig durch Anstiege bei Gebäuden (+3,4 Mio. t) und Verkehr (+2,1 Mio. t) aufgezehrt. Ein Teil davon ist Witterung – ein kalter Winter erhöht den Heizbedarf –, ein Teil ist strukturell: Der Absatz fossiler Kraftstoffe stieg trotz wachsender Zahl an Elektroautos.
Die sektorale Verteilung erklärt, warum es keinen einfachen Hebel gibt. Die Energiewirtschaft hat seit 1990 am meisten geliefert (−62 Prozent) und ist mit 189,1 Mio. t trotzdem noch der größte Sektor. Der Verkehr hat mit −11 Prozent am wenigsten geliefert. Gebäude, Verkehr und Industrie zusammen machen inzwischen mehr als die Hälfte der Emissionen aus – und dort verläuft der Umbau nach den amtlichen Daten am langsamsten.
Die Modellrechnungen setzen genau hier an. Alle betrachteten Szenarien elektrifizieren Wärme, Verkehr und weite Teile der Industrie, weil das gesamtsystemisch am günstigsten ist, wo es technisch geht. Deshalb steigt der Strombedarf in allen Pfaden deutlich – auf 751 bis 919 TWh Endenergie in den Langfristszenarien, auf 724 TWh bei der dena. Rechnet man Elektrolyse und Verluste hinzu, kommt die Fraunhofer-ISE-Studie auf 1.100 bis 1.550 TWh Gesamtstromnutzung. Dieser Anstieg widerspricht dem Klimaziel nicht: Strom ersetzt in diesen Rechnungen Öl, Gas und Kohle.
Wasserstoff spielt überall eine Rolle, aber nicht überall dieselbe. Je weniger direkt elektrifiziert wird, desto mehr Wasserstoff und desto mehr Import wird gebraucht: 370 TWh im ISE-Szenario „Technologieoffen“, 461 TWh bei der dena, 606 TWh im wasserstofforientierten Langfristszenario O45-H2 – dort mit einer Importquote von 69 Prozent.
Und schließlich: Klimaneutral ist nicht emissionsfrei. Im dena-Szenario KN100 verbleiben 2045 rund 41 Mio. t Emissionen, die durch natürliche Senken (Wald, Böden) und technische Verfahren ausgeglichen werden – erst dadurch entsteht die Netto-Null. Die amtliche Projektion mit den heute beschlossenen Maßnahmen kommt dagegen auf 212,5 Mio. t Brutto-Emissionen im Jahr 2045. Der Abstand zwischen diesen beiden Zahlen ist die eigentliche Antwort auf die Titelfrage: Ein Zielpfad ist gerechnet, der heutige Pfad führt nicht dorthin.
Was wir sicher wissen
- Deutschland hat sich im Klimaschutzgesetz zur Netto-Treibhausgasneutralität bis 2045 verpflichtet, mit Zwischenzielen von −65 Prozent bis 2030 und −88 Prozent bis 2040 gegenüber 1990 (UBA 2026).
- Die Emissionen sind seit 1990 deutlich gesunken: von 1.251 Mio. t auf 648,9 Mio. t CO₂-Äq. im Jahr 2025 – rund 48 Prozent (UBA 2026, Agora 2026).
- Der Rückgang hat sich 2025 fast vollständig verlangsamt: −0,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nach −3 Prozent im Jahr 2024 (UBA 2026).
- Verkehr und Gebäude überschritten 2025 ihre im Klimaschutzgesetz angelegten Jahresemissionsmengen; die Landwirtschaft und die Abfallwirtschaft unterschritten ihre Vorgaben (UBA 2026).
- Alle betrachteten Transformationsszenarien – Langfristszenarien O45, Fraunhofer ISE, dena KN100 – erfordern tiefgreifende Veränderungen in mehreren Sektoren gleichzeitig. Kein Szenario erreicht das Ziel über einen einzelnen Baustein.
- Der Strombedarf steigt in allen Szenarien deutlich, weil Wärme, Verkehr und Teile der Industrie elektrifiziert werden.
- Erneuerbare Energien, Stromnetze, Speicher, Flexibilität und klimaneutrale Energieträger spielen in allen betrachteten Pfaden eine zentrale Rolle.
- Klimaneutralität schließt verbleibende Restemissionen ein, die durch natürliche und technische Senken ausgeglichen werden (dena, UBA 2026).
Was wir nicht sicher wissen
- Ob das Zieljahr 2045 tatsächlich eingehalten wird. Die amtlichen Projektionen kommen mit heutigen Maßnahmen auf −83 Prozent statt Netto-Null (UBA 2026).
- Welche Technologiekombination sich durchsetzt. Die Szenarien erreichen dasselbe Ziel mit sehr unterschiedlichen Anteilen von direkter Elektrifizierung, Wasserstoff und synthetischen Energieträgern.
- Wie hoch die Gesamtkosten tatsächlich sein werden. Die ISE-Studie nennt für „Technologieoffen“ mittlere Differenzkosten von 54 Mrd. Euro pro Jahr, im Effizienz-Szenario etwa die Hälfte, in „Beharrung“ und „Robust“ rund ein Drittel mehr.
- Wie schnell Infrastruktur entsteht – Stromnetze, Wasserstoffnetze, Speicher, Importterminals. Der Ausbau von Wind auf See verzögerte sich 2025 bereits, mit direkten Folgen für die Projektionen (UBA 2026, Agora 2026).
- Wie sich Energiepreise, CO₂-Preise und Rohstoffkosten entwickeln. Die Langfristszenarien arbeiten dazu mit gesetzten Annahmen, die im Rahmendatenbericht dokumentiert sind.
- Wie viel Wasserstoff importiert werden kann und zu welchem Preis. Im Szenario O45-H2 liegt die Importquote bei 69 Prozent; die ISE-Studie bezeichnet die rechtzeitige Verfügbarkeit solcher Importe ausdrücklich als unsicher.
- Wie schnell neue Technologien – etwa technische CO₂-Senken oder CCS – marktreif und skalierbar werden. Die dena verweist auf große Unsicherheiten bei technischen Senken.
- Wie sich Wirtschaftsleistung, Bevölkerung und Energiebedarf entwickeln. Die Projektionsdaten 2026 wurden unter anderem wegen aktualisierter Bevölkerungs- und Produktionsannahmen verändert (UBA 2026).
Warum diese Antwort nicht ganz einfach ist
Die Frage „Kann Deutschland bis 2045 klimaneutral werden?“ enthält mehrere Fragen gleichzeitig – eine juristische, eine technische, eine ökonomische und eine gesellschaftliche. Sie haben unterschiedliche Antworten, und wer nur eine davon beantwortet, verkürzt.
- 01
Ziel ist nicht gleich Pfad
Das Klimaschutzgesetz beschreibt einen angestrebten Zustand. Ob er eintritt, hängt von Handlungen ab, nicht vom Gesetzestext. Die amtlichen Projektionsdaten zeigen für 2045 mit heutigen Maßnahmen eine Minderung um 83 Prozent – nicht Netto-Null.
- 02
Modelle rechnen Möglichkeiten, keine Wirklichkeiten
Energiesystemmodelle wie REMod (Fraunhofer ISE) oder Enertile (Langfristszenarien) suchen kostenoptimale Lösungen unter gesetzten Annahmen. Sie sagen nicht voraus, was passiert, sondern was unter diesen Annahmen konsistent wäre.
- 03
Unterschiedliche Bilanzgrenzen
„Strombedarf 2045“ kann 724 TWh oder 1.550 TWh bedeuten – je nachdem, ob nur die Nachfrage der Verbrauchssektoren gemeint ist oder auch Elektrolyse, Umwandlung und Netzverluste. Zahlen aus verschiedenen Studien lassen sich nicht ungeprüft nebeneinanderstellen.
- 04
Sektoren sind unterschiedlich weit
Die Energiewirtschaft hat seit 1990 62 Prozent gemindert, der Verkehr 11 Prozent. Ein Durchschnittswert für Deutschland verdeckt, dass der Rückstand sehr ungleich verteilt ist – und dass die Energiewirtschaft ihn laut UBA nicht mehr kompensieren kann.
- 05
Vorläufige und rückgerechnete Daten
Emissionsdaten für das Vorjahr sind Schätzungen und werden später rekalkuliert. Agora schätzte für 2025 zunächst 640 Mio. t, das UBA weist 648,9 Mio. t aus. Solche Unterschiede sind normal, ändern aber die berichtete Minderungsquote.
- 06
Deutschland rechnet nicht allein
Alle betrachteten Szenarien modellieren auch das europäische Umfeld. Stromimporte, Wasserstoffhandel und gemeinsame Netze sind Teil der Lösung – im Szenario O45-Strom werden zusätzliche Nachfragen unter anderem durch höhere Importe gedeckt, weil Erneuerbare im Ausland teils günstiger sind.
Häufige Missverständnisse
„Klimaneutralität bedeutet, dass Deutschland keinerlei Treibhausgase mehr ausstößt.“
Gemeint ist Netto-Null. Verbleibende, schwer vermeidbare Emissionen – etwa Prozessemissionen der Industrie und Emissionen der Landwirtschaft – werden durch natürliche und technische Senken ausgeglichen. Im dena-Szenario KN100 verbleiben 2045 rund 41 Mio. t CO₂-Äq., die auf diesem Weg kompensiert werden.
„Eine einzige Technologie kann Klimaneutralität herstellen.“
Alle betrachteten Szenarien beschreiben ein Zusammenspiel: Erneuerbare, Netze, Speicher, flexible Nachfrage, steuerbare Kraftwerke, Wärmepumpen, Elektromobilität, Wasserstoff, Prozessumstellungen in der Industrie und CO₂-Senken. Kein Baustein reicht für sich allein.
„Wenn ein Szenario technisch funktioniert, wird es automatisch Realität.“
Szenarien zeigen mögliche Pfade unter bestimmten Annahmen. Die ISE-Studie hält ausdrücklich fest, dass gesellschaftliche und geopolitische Entwicklungen mit darüber entscheiden, ob die Transformation gelingt. Die amtlichen Projektionsdaten zeigen zugleich, dass der heutige Pfad die Ziele für 2040 und 2045 verfehlt.
„Klimaneutralität betrifft nur die Stromerzeugung.“
2025 entfielen 189,1 Mio. t von 648,9 Mio. t auf die Energiewirtschaft – knapp 29 Prozent. Verkehr, Industrie, Gebäude, Landwirtschaft und Abfallwirtschaft stehen für den größeren Teil. Hinzu kommt der LULUCF-Sektor, der 2025 mit netto 26,9 Mio. t noch eine Quelle war.
„Mehr Stromverbrauch widerspricht dem Klimaschutz.“
In allen Szenarien steigt der Strombedarf deutlich, weil Strom fossile Energieträger in Heizungen, Fahrzeugen und Industrieprozessen ersetzt. Entscheidend ist, wie der Strom erzeugt wird: In den Langfristszenarien decken Photovoltaik und Wind 2045 82 bis 87 Prozent der Erzeugung.
„Deutschland kann Klimaneutralität vollständig ohne Energieimporte erreichen.“
Die Szenarien sehen weiterhin europäischen Handel und teils erhebliche Importe vor. Im Szenario O45-H2 werden 2045 von 606 TWh Wasserstoff 418 TWh importiert (Importquote 69 Prozent). Die dena hält fest, dass Deutschland auch über 2045 hinaus Energieimportland bleibt.
„Die Kosten der Transformation lassen sich heute exakt berechnen.“
Die ISE-Studie nennt für das Szenario „Technologieoffen“ mittlere Differenzkosten von rund 54 Mrd. Euro pro Jahr – aber auch, dass Effizienz und Suffizienz die Gesamtkosten bis 2045 um 550 Mrd. Euro senken können, während Beharren oder geopolitische Krisen sie um rund ein Drittel erhöhen. Die CO₂-Vermeidungskosten schwanken je nach Szenario zwischen 95 und 330 Euro je Tonne.
„Das gesetzliche Ziel beweist, dass Deutschland 2045 klimaneutral sein wird.“
Ein Ziel beschreibt den angestrebten Zustand, nicht den garantierten Verlauf. Nach den Projektionsdaten 2026 würden mit den bislang umgesetzten Maßnahmen 2045 noch 212,5 Mio. t Brutto-Emissionen verbleiben – eine Minderung um rund 83 statt 100 Prozent.
„Die Emissionen sinken ohnehin weiter von allein.“
2025 sanken sie nur noch um 0,1 Prozent. Das UBA weist außerdem darauf hin, dass der Puffer aus der Übererfüllung früherer Jahre nahezu aufgebraucht ist: Für den Zeitraum 2021 bis 2030 bleibt rechnerisch nur noch ein Überschuss von 3,8 Mio. t CO₂-Äq.
Auf einen Blick
Wissenschaftliche Modellierungen zeigen, dass ein treibhausgasneutrales Energiesystem für Deutschland bis 2045 technisch grundsätzlich darstellbar ist. Ob das Ziel erreicht wird, hängt von Umbaugeschwindigkeit, Investitionen, Infrastruktur und Rahmenbedingungen ab – die amtlichen Projektionen kommen mit den heute beschlossenen Maßnahmen auf eine Minderung um rund 83 Prozent statt auf Netto-Null.
- Evidenzgrad
- Gut belegt
Die Ausgangslage ist durch amtliche Emissionsdaten des Umweltbundesamts und die Statuserhebung von Agora Energiewende belegt. Die Transformationspfade beruhen auf drei unabhängigen, methodisch dokumentierten Szenarienstudien (Langfristszenarien 3 im Auftrag des BMWK, Fraunhofer ISE mit REMod, dena-Leitstudie). Unsicher bleiben naturgemäß alle Aussagen über die Zukunft: Szenarien sind Modellrechnungen unter Annahmen, keine Prognosen.
- Datenstand
- Emissionsdaten 1990 bis 2025 (Werte für 2025 vorläufig), Projektionsdaten bis 2045 mit Rechtsstand November 2025, Szenarienrechnungen mit Zieljahr 2045
- Letzte Aktualisierung
- 29. Juli 2026
Quellen
- 1
Emissionsdaten 2025 & Projektionsdaten 2026 – Pressehintergrundinformation
Umweltbundesamt (UBA) · 2026
Stand 14. März 2026. Projektionen erstellt von Öko-Institut, Fraunhofer ISI, Prognos, M-Five, IREES und Thünen-Institut. Grundlage für Emissionsstand 2025, Sektorwerte, Zielpfad und Projektion bis 2045.
- 2
Die Energiewende in Deutschland: Stand der Dinge 2025 – Rückblick auf die wesentlichen Entwicklungen sowie Ausblick auf 2026
Agora Energiewende · 2026
Grundlage für die Zeitreihe seit 1990, die sektorale Minderung seit 1990 sowie Zubau und installierte Leistung der Erneuerbaren 2025.
- 3
Wege zu einem klimaneutralen Energiesystem: Bundesländer im Transformationsprozess
Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE · 2024/2025
Energiesystemmodell REMod, vier Szenarien („Technologieoffen“, „Effizienz“, „Beharrung“, „Robust“). Grundlage für Stromnutzung, EE-Kapazitäten, Wasserstoff, Flexibilität und Transformationskosten.
- 4
Langfristszenarien für die Transformation des Energiesystems in Deutschland (Langfristszenarien 3) – Orientierungsszenarien O45: Bericht Energieangebot und Modul Rahmendaten
Fraunhofer ISI, Consentec, ifeu, TU Berlin (im Auftrag des BMWK) · 2024/2025
Modellverbund mit Enertile. Grundlage für Endenergienachfrage Strom, installierte Leistung, Stromerzeugungsmix, Wasserstoffnachfrage und Importquoten im Jahr 2045.
- 5
dena-Leitstudie Aufbruch Klimaneutralität – Abschlussbericht
Deutsche Energie-Agentur (dena) · 2021
Hauptszenario KN100. Grundlage für Kernindikatoren, Primär- und Endenergieverbrauch, Restemissionen, Senken und technische Negativemissionen.
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Warum muss Deutschland sein Energiesystem verändern?
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Elektrifizierung von Wärme, Verkehr und Industrie im Zahlenbild.
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Stand des Ausbaus, Anteile und Erzeugungsmengen.
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Kostenbestandteile, Erzeugungskosten und Preisbildung.
Wie kann Deutschland unabhängiger von Energieimporten werden?
Importabhängigkeit, Lieferstruktur und heimische Erzeugung.
Warum braucht Deutschland Stromnetze und Energiespeicher?
Transport, Flexibilität und Ausgleich im Stromsystem.
Kein Bullshit. Nur Fakten. Einfach erklärt.
Alle Angaben auf dieser Seite stammen aus offen zugänglichen Quellen und sind nachvollziehbar belegt. Wie wir arbeiten, steht in unserer Methodik.